Startschuss für fünf neue Open-Access-Projekte an der TIB

Open Access (OA), der freie Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen, sollte der Normalzustand beim wissenschaftlichen Publizieren sein. Da sind sich die meisten Forschenden, wissenschaftlichen Einrichtungen und Förderer einig, denn Open Access ist eine Voraussetzung für schnellen wissenschaftlichen Fortschritt. Um dieses Ziel zu erreichen, fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) verschiedene Projekte, die den Wandel der Publikationslandschaft unterstützen und die Etablierung einer gelebten Open-Access-Kultur in der deutschen Forschungs- und Wissenschaftspraxis beschleunigen.

Fünf neue BMBF-finanzierte Open-Access-Projekte starten im September 2023 an der TIB – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften. Die Projekte, die die TIB zum Teil mit Partner:innen durchführt, beschäftigen sich mit unterschiedlichen Aspekten von Open Access. Es geht um

  • die Untersuchung von Chancenungleichheiten beim Open-Access-Publizieren für bestimmte Gruppen von Forschenden und Empfehlungen für Verbesserungen,
  • alternative Finanzierungsmöglichkeiten für Open-Access-Publikationen,
  • bessere Sichtbarkeit von Open-Access-Zeitschriften,
  • die effiziente maschinengestützte Nachnutzung von Open-Access-Publikationen und die dadurch bessere Auffindbarkeit und Vergleichbarkeit von Forschungsergebnissen,
  • den Aufbau eines Vergleichsportals für die Preise von Publikationsdienstleistungen.

„So verschieden die fünf Projekte auch sind, eins haben sie gemeinsam: Jedes einzelne führt uns einen Schritt näher an die Etablierung einer gelebten Open-Access-Kultur und zu einer vielfältigeren, offeneren und gerechteren Publikationskultur, für die wir uns als TIB bereits seit vielen Jahren einsetzen“, erklärt Prof. Dr. Sören Auer, Direktor der TIB.

Die Open-Access-Projekte im Überblick

Die fünf Projekte starten alle am 1. September 2023 und haben eine Laufzeit von 24 bzw. 36 Monaten. Hier stellen wir die neuen Projekte vor.

IDAHO: Chancenungleichheit im Wissenschaftssystem – Welche Hürden gibt es beim Open-Access-Publizieren?

Die fehlende Diversität bei Autor:innen von wissenschaftlichen Publikationen zeigt, dass es im bestehenden Wissenschaftssystem Chancenungleichheit und Ungerechtigkeit gibt. Im Projekt IDAHO wird untersucht, welche Schwierigkeiten und Hürden genau es für Forschende mit schwacher institutioneller Anbindung beim Open-Access-Publizieren gibt. Diese Hürden sollen schrittweise durch Interviews mit Forschenden, durch Umfragen und den Austausch mit Betreibenden von Open-Access-Zeitschriften identifiziert werden.

Das Ziel von IDAHO: Aus den Ergebnissen dieser Erhebungen werden Empfehlungen entwickelt, wie speziell dieser Gruppe von Forschenden das Open-Access-Publizieren erleichtert werden kann, damit die Open-Access-Kultur inklusiver, gerechter und diverser wird.

Projekt: IDentifikAtion von Hürden zum Open-Access-Publizieren für Forschende mit schwacher institutioneller Anbindung – epistemische Ungerechtigkeit im wissenschaftlichen Publizieren | Laufzeit: 01.09.2023-31.08.2025 (24 Monate) | https://projects.tib.eu/idaho

KOALA-AV: Finanzierung von Open-Access-Publikationen – Wie können Konsortien genutzt werden, um Open Access ohne Gebühren für Autor:innen nachhaltig zu finanzieren?

Das Projekt KOALA-AV widmet sich dem Auf- und Ausbau sowie der Verankerung konsortialer Open-Access-Lösungen. Konsortiale Finanzierung für Open Access ermöglicht sogenanntes Diamond Open Access, also Open-Access-Angebote ohne Article Processing Charges (APCs).

Statt die anfallenden Kosten auf die Autor:innen umzulegen und so zahlungsschwache Autor:innen vom wissenschaftlichen Diskurs auszuschließen, bieten APC-freie Finanzierungsmodelle eine wissenschaftsfreundliche Alternative zum kostenpflichtigen Publizieren und führen zu einer lebendigen Open-Access-Kultur.

Die Finanzierung über Open-Access-Konsortien ist ein nachhaltiger Weg, die entstehenden Kosten auf verschiedene Schultern zu verteilen. Bisher sind solche Angebote noch die Ausnahme. Das will die TIB gemeinsam mit dem Kommunikations-, Informations-, Medienzentrum der Universität Konstanz ändern. Aufbauend auf existierenden Konsortien und den Erfahrungen teilnehmender Bibliotheken, wissenschaftlicher Zeitschriften und konsortialführender Einrichtungen untersucht KOALA-AV spezifische Herausforderungen bestehender Konsortien und entwickelt daraus Verbesserungsvorschläge.

Hierzu gehören

  • die Berücksichtigung konkreter Teilnahmehürden für Bibliotheken,
  • die Unterstützung einer Community der verschiedenen Akteur:innen im Open-Access-Kontext,
  • eine Vereinfachung der konsortialen Abläufe,
  • eine Unterstützung internationaler Beteiligungen an Konsortien, die Erschließung neuer Finanzierungsquellen im In- und Ausland,
  • ein aktiver Einsatz für neue Open-Access-Konsortien an weiteren Standorten,
  • eine stärkere Sichtbarkeit von konsortialen Angeboten über eine Website mit einer Übersicht zu aktuellen Konsortialangeboten.

Das Ziel von KOALA-AV: Konsortiale Finanzierungsmodelle  sollen in die Breite getragen und die Zahl der Open-Access-Konsortien sowie der teilnehmenden Bibliotheken – und damit die Zahl konsortial finanzierter Periodika – gesteigert werden. So entstehen wissenschaftsfreundliche Alternativen zum kostenpflichtigen Publizieren, die zu einer lebendigen Open-Access-Kultur führen.

Projekt: KOALA-AV – Konsortiale Open-Access-Lösungen aufbauen, ausbauen und verankern | Partner:in: Universität Konstanz, Kommunikations-, Informations-, Medienzentrum (KIM) | Laufzeit: 01.09.2023-31.08.2025 (24 Monate) | https://projects.tib.eu/koala

KOMET: Für ein diverseres Open-Access-Ökosystem – mehr Sichtbarkeit von unabhängigen Open-Access-Zeitschriften durch bessere Metadaten

Das Projekt KOMET will die Metadatenprozesse sogenannter scholar-led – wissenschaftsgetragener, unabhängiger und nicht profitorientierter – Open-Access-Zeitschriften verbessern. Dadurch sollen diese Zeitschriften im Wissenschaftssystem sichtbarer und damit ihre Bedeutung als Publikationsort erhöht werden.

Damit das gelingt, wird die weltweit am häufigsten eingesetzte Open-Source-Software für Open-Access-Journals – Open Journal Systems (OJS) – um einige Funktionen ergänzt. Diese erlauben dann die Eingabe, Kuratierung und Anreicherung artikelbezogener Metadaten durch Autor:innen und Editor:innen sowie den Export dieser Metadaten an offene Datenquellen wie Wikidata.

Es wird ein Plug-in entwickelt, das eine bessere Auffindbarkeit und Verknüpfung von Artikeln aus Open-Access-Zeitschriften ermöglicht. Dadurch wird die Attraktivität dieser Zeitschriften für Leser- und Autorenschaft erhöht – und als Folge die Anerkennung und Anzahl der dort veröffentlichten Publikationen gesteigert. Durch die Integration einer Citations-Funktion direkt in OJS können die Zeitschriften ihre Zitationsmetadaten erstmals strukturiert und frei veröffentlichen.

Durch PIDs – persistente Identifikatoren – und geografische Metadaten für Artikel werden außerdem Verknüpfungen zu akademischen Veranstaltungen, physischen Proben und wissenschaftlichen Instrumenten hergestellt und so verwandte Artikel über Zeitschriften und Wissenschaftsdisziplinen hinweg gefunden.

Die Artikel werden mit Geometadaten – also Orten und Zeiträumen, die in einer Veröffentlichung betrachtet werden, – angereichert, die in mehreren freien Publikationsplattformen veröffentlicht werden. Auf diese Weise wird eine Suchplattform für wissenschaftliche Publikationen realisiert.

Die innovative und benutzerfreundliche Erfassung von Metadaten durch die tatsächlichen Expert:innen – sprich: die Autor:innen und Editor:innen – als Teil des wissenschaftlichen Veröffentlichungsprozesses führt dazu, dass Beiträge in kooperierenden Fachzeitschriften in zitationsbasierten Evaluationsmetriken verwendet werden und semantisch bedeutsame Verknüpfungen hergestellt werden können.

Darüber hinaus sollen im Austausch mit Fachcommunities (unter anderem in den Initiativen NFDI4Culture und NFDI4Earth) weitere Use Cases erhoben und in einer explorativen Phase umgesetzt werden, um die disziplinspezifische Anerkennung von OA-Journals zu fördern.

Alle Entwicklungen werden als offene Software im Open-Access-Ökosystem veröffentlicht, sodass sie problemlos von anderen Einrichtungen verwendet und weiterentwickelt werden können.

Das Ziel von KOMET: Mit vielfältigen Neuerungen rund um den Metadatenprozess bei scholar-led Open-Access-Zeitschriften unterstützen die Projektpartner TIB und die TU Dresden eine offene Publikationskultur und -praxis.

Projekt KOMET – Kollaborative Anreicherung der Metadatenallmende zur Förderung eines diversen Open-Access-Ökosystems | Partner:in: Technische Universität Dresden | Laufzeit: 01.09.2023-31.08.2025 (24 Monate | https://projects.tib.eu/komet

Mehr-OA: Mehrwerte von Open Access für die datengestützte Forschung und Entwicklung – Open-Access-Publikationen leichter finden, vergleichen und vernetzen

Trotz vieler Bemühungen hat sich Open Access für wissenschaftliche Veröffentlichungen immer noch nicht vollumfänglich durchgesetzt. Als ein wesentlicher Grund dafür ist zu vermuten, dass für Forschende in der Spitzenforschung der unmittelbare Vorteil einer Open-Access-Publikation oft nicht direkt erfahrbar ist: Der Zugriff auf kostenpflichtige Literatur ist für Mitglieder vieler Forschungsgruppen kein großes Hindernis.

Der durch OA erhöhte Wissenstransfer in Forschungsgruppen ohne freien Zugriff auf alle Publikationen der Fachjournale und außerhalb der Wissenschaft hat kaum Einfluss auf die Bedingungen des eigenen Forschens. Da die OA-Transformation aber nur mit den Forschenden gelingen kann, setzt das Projekt „Mehr-OA“ auf deren intrinsische Motivation, indem es die Mehrwerte von OA für die eigene Forschung anhand eines Anwendungsfalls präsentiert. Forschende wollen Antworten auf Forschungsfragen bekommen, Übersichten zum Stand der Forschung in einem bestimmten Gebiet erhalten sowie Auswertungen und Analysen über die beachtliche Zahl von Forschungsbeiträgen bekommen.

Die Entwicklungen im Bereich des maschinellen Lernens und der datengestützten Forschung in den letzten Jahren zeigt, dass die breite Anwendung moderner datenwissenschaftlicher Methoden enorme Fortschritte in Forschung und Entwicklung möglich macht – nicht zuletzt durch frei zugänglich publizierte Inhalte. Als Konsequenz werden zunehmend Standards entwickelt und Infrastrukturen aufgebaut, um Forschungsergebnisse gemäß den FAIR-Prinzipien auffindbar, zugänglich, interoperabel und nachnutzbar bereitzustellen.

„Mehr-OA“ leistet dazu einen wesentlichen Beitrag, indem Methoden für eine effiziente maschinengestützte Nachnutzung von OA-publizierten Forschungsergebnissen entwickelt und am Beispiel der Plasmaforschung erprobt werden. Moderne Verfahren des maschinellen Lernens werden eingesetzt, um Inhalte aus zentral abgelegten OA-Publikationen automatisch zu extrahieren und im Sinne von Open Knowledge in strukturierter Form im Open Research Knowledge Graph bereitzustellen. Relevante OA-Publikationen können so einfacher gefunden, direkt verglichen und mit Forschungsdaten, Patenten und weiteren Informationsquellen vernetzt werden.

Um dies zu erreichen und einen Wandel hin zu einer gelebten OA-Kultur maßgeblich zu unterstützen, werden das Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e. V. (INP) in Greifswald als international sichtbarer Vertreter der Plasmaforschung und die TIB als Deutsche Zentrale Fachbibliothek für Technik und Naturwissenschaften gemeinsam

  • OA-Inhalte der Plasmaforschung recherchieren, formal beschreiben und im Fachrepositorium Renate erfassen,
  • OA-Inhalte mittels NLP-Verfahren semantisch anreichern und maschinenlesbar in den Open Research Knowledge Graph (ORKG) überführen (NLP steht für Natural Language Processing, also die Fähigkeit von Computern, natürliche Sprache zu verarbeiten),
  • OA-Inhalte zur Plasmaforschung im ORKG kuratieren, bearbeiten und nutzen und die Ergebnisse der Community Plasmaforschung bereitstellen.

Das Ziel von „Mehr-OA“: Mehrwerte von Open Access unmittelbar für Forschende erfahrbar machen durch vereinfachte Auffindbarkeit von OA-Publikationen und maschinenlesbaren Daten im eigenen Fachbereich, verbesserte Möglichkeiten für datengestützte Forschung und Entwicklung sowie eine erhöhte Sichtbarkeit der eigenen in OA-Veröffentlichungen publizierten Forschung.

Projekt „Mehrwerte von Open Access für die datengestützte Forschung und Entwicklung“ (Mehr-OA) | Partner:in: Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e. V. (INP) | Laufzeit: 01.09.2023-31.08.2026 (36 Monate)

PANTER – Publishing Analytics Tracker: ein Vergleichsportal für Finanzierungsmodelle, Preise und Preisentwicklungen auf dem Open-Access-Zeitschriftenmarkt

Im Projekt PANTER soll ein zuverlässiges, frei verfügbares Vergleichsportal für Finanzierungsmodelle, Preise und Preisentwicklungen auf dem Open-Access-Zeitschriftenmarkt entwickelt und etabliert werden. Es ermöglicht dann allen Akteur:innen im Open-Access-Bereich, Preise für Publikationsdienstleistungen zu vergleichen. Gleichzeitig schafft es Transparenz in der Preispolitik auf dem Publikationsmarkt und macht mittel- und langfristige Trends sichtbar.

Wenn Wissenschaftler:innen ihre Forschungsergebnisse im Open Access publizieren möchten, setzt dies meist die Zahlung einer Publikationsgebühr voraus. Article Processing Charges, Submitting Fees etc. stellen finanzielle Barrieren dar, die darüber entscheiden, ob ein Forschungsergebnis im Open Access publiziert werden kann oder nicht. Wissenschaftler:innen, die ihre Publikationen planen, aber auch finanzierende Einrichtungen und Bibliotheken, die über Budgets entscheiden und Verträge verhandeln, sind daher auf valide Preisinformationen angewiesen. Auch für wissenschaftspolitische Akteure und Geldgeber ist die Entwicklung der Preise von hoher Relevanz.

Obwohl die Frage von Preisen und Kosten eine kaum zu überschätzende Bedeutung hat, fehlt für den Open-Access-Publikationsmarkt, was in den meisten Marktsegmenten längst etabliert ist: Vergleichsportale, die die Preise für Produkte und Dienstleistungen transparent und vergleichbar machen. Die eigene Recherche wiederum ist zeitaufwändig und aufgrund der heterogenen Preisstrukturen unübersichtlich.

Das Ziel von PANTER: Der Preismonitor, der im Projekt aufgebaut wird, gibt eine Übersicht über die Preise für Publikationsdienstleistungen und macht sie vergleichbar. Er verfügt über eine auf die Bedarfe der Akteur:innen des Open-Access-Publikationswesens optimierte, intuitive Nutzeroberfläche. Über die aktuellen Daten hinaus macht er zudem mittel- und langfristige Trends sichtbar und schafft Transparenz in der Preispolitik auf dem Publikationsmarkt.

Projekt „PANTER – Publishing Analytics Tracker“ | Partner:innen Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden | Laufzeit: 01.09.2023-31.08.2025 (24 Monate) | https://tib.eu/projekt-panter

... ist Pressereferentin im Team Kommunikation