Neue Wege hat das Publikationsland: Die TIB fördert SciPost

Vor knapp zwei Jahren habe ich hier über die letzte Sitzung der Arbeitsgruppe Information (AGI) der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG)  in Rostock 2019 berichtet. (Die DPG-Tagungen 2020 hat das Corona-Virus gecancelt.)

In diesem Beitrag habe ich auch die Plattform SciPost vorgestellt – verbunden mit der Hoffnung, diese auch durch die TIB finanziell unterstützen zu können. Im letzten Jahr hat sich dann gezeigt, dass manche Wege immer noch verschlungenen Pfaden gleichen und Steine erst einmal aus dem Wege gerollt werden müssen, bevor ein Etappenziel erreicht werden kann. Dieses ist jetzt aber gelungen (Hurra! Ich freue mich sehr). Die TIB hat die notwendigen Verträge mit SciPost unterschreiben können und trägt damit für 3 Jahre als Zentrale Fachbibliothek mit insgesamt 15.000 € und für die Leibniz Universität Hannover mit 3.000 € bei. Die TIB ist nun auch in der Liste der unterstützenden Organisationen aufgeführt.

Unterstützung von SciPost in der Strategie der TIB

Mit der Unterstützung von innovativen und fairen Open-Access-Modellen folgt die TIB ihrer Strategie, die Open-Access-Transformation nachhaltig zu gestalten. Der Verzicht auf Author Processing Charges (APC), die häufig von Autor*innen bei Open-Access-Zeitschriften entrichtet werden müssen, und mit einem hohen Qualitätsanspruch passt SciPost gut in dieses Portfolio. Durch die Beteiligung an der Finanzierung von SciPost trägt die TIB dazu bei, hochwertige Publikationsoptionen in der Physik (und mittlerweile auch anderen Fächern) und für Autor*innen der Leibniz Universität Hannover bereitzustellen. Mit der frei zugänglichen Veröffentlichung erhöht sich die Sichtbarkeit der Forschung.

Meine Sicht auf SciPost

Warnung: Da sich die wesentlichen Gründe für das Engagement der TIB bei SciPost seit meinem letzten Beitrag nicht verändert haben, werde ich jetzt zur Selbstplagiatorin und kopiere Teile aus „Neue Wege braucht das (Publikations)Land: AGI, ACP und SciPost“ ohne diese explizit als Zitat kenntlich zu machen.

Die Plattform SciPost gibt es seit 2016. Anfangs war für mich noch nicht wirklich erkennbar, wohin die Reise gehen und ob das Experiment von publizierenden Wissenschaftler*innen angenommen würde. Inzwischen ist die Plattform aber so gut strukturiert und ausgereift, dass sie mich überzeugt. Eine wesentliche Komponente ist sicherlich das Editorial College. Hier wird deutlich, dass (echte!) Wissenschafterinnen und Wissenschaftler bereit sind, sich für SciPost zu engagieren und über die Steuerung von Refereeprozessen für die Qualität der Inhalte von SciPost einzustehen.

SciPost ist in den letzten Jahren zu einem vollständigen Publikationsportal geworden, das alle relevanten Features (vom Einreichungsprozess über das Peer-Review-Verfahren bis hin zur Vorabpublikation der Submissions und der Veröffentlichung des finalen Beitrages und Langzeitsicherung der Inhalte) mitbringt. SciPost wird von Wissenschaftler*innen betrieben und soll eine Graswurzel-Initiative für alternative Publikationsformen bleiben.

Qualität und Offenheit stehen an oberster Stelle der gesetzten Ziele:

Neben dem (klassischem Konzept der) Journals mit finalen Publikationen findet sich auf SciPost auch der Bereich Submissions, über den alle Einreichungen (und das ist das Besondere) inklusive der Reports der Referees sowie weiterer Kommentare bereitgestellt werden. Der Refereeprozess ist damit für jeden transparent und nachvollziehbar.

Dass SciPost immer noch Work in Progress ist, zeigt sich an seinen ambitionierten Plänen für die Zukunft, die von der Vision geleitet werden:

  • Für jede Fachdisziplin eine Journal-Familie aufzubauen, jeweils angeführt von einem Spitzentitel und geleitet von einem disziplinspezifischen Editorial College
  • Ein zentrale multidisziplinäres Journal anzubieten, das Extended Abstracts zu bahnbrechenden Publikationen aus den Spitzentiteln zusammenführt, ausgewählt von den jeweiligen Editoren.

Aktuell gibt es erste Expansionsaktivitäten für die Astronomie, Biologie, Chemie, die Mathematik und die Politikwissenschaften.

Bei seinen etablierten Journals aus der Physik

verzeichnete SciPost erfreulicherweise auch im Corona-Jahr weiter zunehmende Publikationszahlen.

Etwas verwundert war ich darüber, dass  die SciPost-Macher mit einem gewissen Stolz auf die Impact Faktoren der Journals hinweisen, hatte doch der Gründer von SciPost Jean-Sébastien Caux es in seinem Rostocker Beitrag als Störfaktor für die wissenschaftliche Kommunikation gesehen, wenn das Renommee des Titels eines Journals bei der Beurteilung von Qualität und Bedeutung der wissenschaftlichen Leistung wichtiger ist als der eigentliche Inhalt eines Papers. Nun gut, solange der IFs nur als Zugpferd für die Journals und nicht als absolute Kennziffer für ihre Qualität genutzt wird, lässt sich wohl mit diesem Widerspruch leben.

Mich hat J.-S. Caux mit seinem (fast schon nicht mehr) Experiment und Anliegen überzeugt, insbesondere, weil es ihm gelungen ist, eine Zahl von Wissenschaftler*innen als Unterstützer für die Initiative zu gewinnen. Nur aus der Community heraus können erfolgreiche Alternativmodelle zum traditionellen (verlagsdominierten) Publikationswesen entstehen, wenn Wissenschaftler*innen das wirklich wollen.

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Esther Tobschall

... ist Fachreferentin für Physik und zuständig für die Nationale Kontaktstelle im Netzwerk arXiv-DH