Die Grenzen des Lernraums: Neue Besucherzählung und eine Auslastungsanzeige für die Bibliotheksstandorte

Die Erfassung von Daten spielt in den Bibliotheken schon immer eine große Rolle und dient, wie jede Statistik, verschiedenen Zwecken:

  • zur Diagnose,
  • als Ansatzpunkt für Verbesserungsmaßnahmen,
  • zur Erfolgs- und Leistungsmessung.

So zählt auch die TIB für die Deutsche Bibliotheksstatistik schon lange die sogenannten „Bibliotheksbesuche“, und zwar weitgehend automatisiert in Form einer Durchgangszählung. So weiß man am Ende des Tages zwar, wie oft die Ein- und Ausgänge durchquert wurden, kann aber keine Rückschlüsse darauf ziehen, wie viele Personen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt am Standort aufhalten. Nützlich sind die Zahlen vor allem, wenn man die Entwicklung über die Jahre betrachtet, und die ist durchaus eindrucksvoll: Von 1,1 Millionen im Jahr 2010 stieg bei der TIB die Zahl der Bibliotheksbesuche auf 1,7 Millionen im Jahr 2018. Seitdem ist eine gewisse Sättigung erreicht, was sowohl an der stagnierenden Anzahl der Arbeitsplätze (insgesamt 1.827) als auch an den seitdem kaum noch veränderten Öffnungszeiten liegen könnte.

Bibliotheksbesuche der TIB 2010-2019 laut Deutscher Bibliotheksstatistik

Diese Entwicklung zeigt, dass es nicht spurlos an der TIB als Universitätsbibliothek vorüber gegangen ist, dass die Zahl der Studierenden an der Leibniz Universität Hannover von knapp 20.000 im Jahr 2009 auf mittlerweile knapp 30.000 gestiegen ist. Damit einher ging eine zunehmende Nachfrage nach Arbeitsplätzen, die sich in immer längeren Prüfungsphasen jährlich zweimal auch als Überlastung der Lernräume in der Bibliothek bemerkbar macht.

Ergänzend zu den Durchgangszählungen gibt es an allen Standorten Rundgangszählungen, um die Auslastung der Lesesäle für eine interne Statistik zu erfassen. Diese sind allerdings aufwendig und fehleranfällig: So dauert etwa eine Zählung über die sechs Geschosse des TIB-Standorts Conti-Campus eine Dreiviertelstunde. Fehler können dadurch entstehen, dass auf Grund von Bewegungen der Besucherinnen und Besucher Doppelzählungen nicht vermieden werden können oder dass man jemanden auf dem Rundgang nicht erfasst. Ein Mangel der Rundgangszählungen ist vor allem die Beschränkung auf wenige Zählzeitpunkte pro Tag, so dass sich die genaue Verteilung über den Tag, einschließlich Mittagspauseneffekten, nicht exakt quantifizieren lässt.

Erneuerung der Besucherzählung: Technik und Datenschutz

Schon seit längerem bestand der Plan, sowohl die schlichte lichtschrankenbasierte Durchgangszählung als auch die manuellen Rundgangszählungen durch eine a) automatisierte und kontinuierliche, b) bidirektionale Besucherzählung mit c) Protokollierung zu ersetzen. Dies wäre auch die Voraussetzung für eine Auslastungsanzeige für die Standorte, wie sie inzwischen einige Bibliotheken, z. B. die ULB Münster mit ihrem „Platzticker“, anbieten. Denn wenn schon aus räumlichen Gründen die Anzahl der Lesesaalarbeitsplätze nicht nennenswert erhöht werden kann, sollte wenigstens der Service verbessert werden, indem vor einem Bibliotheksbesuch eine Information zur Verfügung steht, an welchem Standort am ehestens noch ein freier Platz zu finden sein könnte.

Eine Marktsichtung ergab, dass sich derzeit stereokamerabasierte Zählsensoren am besten eignen, weil sie eine hohe Genauigkeit mit gutem Datenschutz verbinden. Die Wahl fiel auf Zählsensoren vom Typ Xovis PC2 („PC“ steht für „People Counter“), die mit verschiedenen Anonymisierungsstufen arbeiten. Im Betrieb laufen die Sensoren in einem Anonymisierungslevel, bei dem keine Verarbeitung personenbezogener Daten erfolgt, weil die von den Sensoren erfassten Daten in Echtzeit verarbeitet werden. Auch Administratoren können nur auf die automatisch anonymisierten Zähldaten zugreifen. Eine Stufe mit niedrigerer Anonymisierung kann nur nach Abstimmung mit und unter Aufsicht der Datenschutzbeauftragten der TIB eingestellt werden.

Live-Ansicht im Backend eines der Zählsensoren

Seit Ende September 2020 sind an den Standorten TIB Conti-Campus, TIB Technik/Naturwissenschaften und TIB Sozialwissenschaften Zählsensoren in den Eingängen montiert und eingerichtet. (Der Standort TIB Geschichte/Religionswissenschaft folgt später.) Im Detail gibt es noch einige Probleme bei der Genauigkeit der Zählungen. So ist am Standort Technik/Naturwissenschaften die Einrichtung der Sensoren u. a. aus folgenden Gründen noch nicht abschließend gelöst:

  • Der Haupteingang mit zwei Doppelpendeltüren erschwert die korrekte Festlegung der Zähllinie.
  • Die räumliche Situation mit drei Gebäuden der Bibliothek am Standort Welfengarten führt zu Verzerrung der Zählung, weil z. B. Bibliotheksbeschäftigte teils den Personaleingang, teils den Haupteingang verwenden. Ob solche asymmetrische Wegenutzung sich über den Tag ausmittelt oder nicht, ist noch ungeklärt.
  • Nicht bedacht haben wir bei der ersten Planung, dass die Nutzung des Vortragsraums für Veranstaltungen und Schulungen mit größeren Gruppen die Zählung im Hinblick auf eine Auslastung der Lesesäle stark verzerren kann. Als Lösung vorstellbar wäre dafür, einen weiteren Zählsensor vor dem Aufgang zum Vortragssaal zu montieren, so dass Personen, die diesen Weg nehmen, herausgerechnet werden könnten.

Auslastungsanzeige

Trotz der oben genannten noch offenen Punkte sind wir nun einen großen Schritt weiter. Für die Ablösung der Rundgangszählungen im Rahmen der internen Statistik ist die automatisierte Zählung noch nicht an allen Standorten hinreichend genau. Etwas geringer jedoch sind die Anforderungen an eine Auslastungsanzeige. Daher konnten wir Anfang des Jahres ein Modul für das TIB-Portal entwickeln, das die Daten der Zählsensoren ausliest, eine prozentuale Auslastung der Standorte errechnet und auf den Webseiten darstellt. Aktuell findet man dies auf der Seite Standorte und Öffnungszeiten und den entsprechenden Unterseiten.

Screenshot der Auslastungsanzeige am 25.1.2021, 12:10 Uhr

Eine automatische Aktualisierung der Auslastung auf den Seiten erfolgt nicht; beim (Neu-)Laden der Seite sind die Werte jedoch nicht älter als 2 min. Bislang nicht berücksichtigt sind die Öffnungszeiten, was zur Folge hat, dass die Auslastung außerhalb der Öffnungszeiten mit 0% sichtbar bleibt – oder sogar einen positiven Wert annehmen kann, wenn nach Schließung des Standorts ein Rest anwesender Personen errechnet wurde.

Die Auslastungsanzeige kann immer nur eine Tendenz sichtbar machen. Es gibt einige Randbedingungen, mit denen wir erst noch Erfahrungen sammeln müssen, um die Berechnung der Auslastung zu verbessern. Dazu gehört der Umfang der Leihstellenbesuche, die Zahl der Benutzerinnen und Benutzer der Freihandbestände wie z.B. der Lehrbuchsammlung, die gar keinen Arbeitsplatz belegen, Schulungsveranstaltungen und die schon erwähnte asymmetrische Wegenutzung durch Bibliotheksbeschäftigte. Bei der aktuell stark reduzierten Anzahl von Lesesaalarbeitsplätzen infolge der Pandemie-bedingten Hygieneregeln fallen solche Verzerrungen noch stärker ins Gewicht.

Wir hoffen, dass trotz der bestehenden Ungenauigkeiten die neue Auslastungsanzeige dennoch nützlich für die Planung des Bibliotheksbesuches sein wird, und freuen uns über Rückmeldungen.

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Bernhard Tempel

... ist Leiter des Bereichs Lokale Dienste.