Paul Milgrom und Robert Wilson erhalten den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften 2020

Jährlich am 10. Dezember erfolgt die Preisverleihung der Nobelpreise sowie des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften. Im Jahr 2020 werden Paul Milgrom und Robert Wilson mit dem Gedächtnispreis geehrt – für Verbesserungen der Auktionstheorie und die Erfindung neuer Auktionsformate.

Wer sind die Preisträger?

Derzeit forschen beide an der renommierten Stanford University. Bereits seit langem sind sie persönlich verbunden, denn der eine ist der Doktorvater des anderen.

Paul R. Milgrom (c) Nobel Media. III. Niklas Elmehed

Paul Milgrom (geboren 1948) studierte Mathematik an der Universität von Michigan und promovierte bei Robert Wilson an der Stanford University. Anschließend lehrte er an der Northwestern University und der Yale University. Schließlich kehrte er 1987 als Professor für Wirtschaftswissenschaften und Direktor des Instituts für theoretische Volkswirtschaftslehre nach Stanford zurück. Seit 1993 ist er Shirley R. and Leonard W. Ely Jr. Professor of Humanities and Sciences des Stanford University Economics Department.

Robert Wilson (geboren 1937) studierte Mathematik und Business Administration an der Havard University. Dort promovierte er auch zum Doctor of Business Administration. Von 1964 bis 2004 lehrte an der Stanford University. 1986 wurde Wilson der Ehrendoktor der Wirtschaftswissenschaften der Norwegischen Handelshochschule verliehen, 1995 folgte die Ehrendoktorwürde für Rechtswissenschaften an der University of Chicago.

Robert B. Wilson (c) Nobel Media. III. Niklas Elmehed

Paul Milgrom ist bereits der dritte Promovend Wilsons, der den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhält: 2012 erhielt Alvin E. Roth den Preis für die „Theorie stabiler Verteilungen und die Praxis des Marktdesign“( gemeinsam mit Lloyd S. Shapley), 2016 bekam den Preis Bengt Holmström (gemeinsam mit Oliver Hart) für „Beiträge zur Vertragstheorie“

Sowohl Wilson als auch Milgrom erhielten im Lauf ihrer Forschungstätigkeit zahlreiche weitere Preise und Auszeichnungen, einige davon bereits gemeinsam:

Und mit welchen Themen befassen sich Milgrom und Wilson?

Die beiden US-Ökonomen standen schon länger auf der Favoritenliste für die höchste Auszeichnung in der Wirtschaftswissenschaft. Bereits 2018 favorisierte Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die beiden US-Forscher.

Mit ihren Forschungen konnten die beiden zeigen, dass Auktion nicht gleich Auktion ist. Je nachdem welches Ergebnis erzielt werden soll, sind unterschiedliche Auktionsformen nötig. Bei einer privaten Auktion, bspw. von Gemälden, stehen oft ideelle Werte im Vordergrund. Bei geschäftlichen Auktionen soll der höchste Preis erzielt werden und bei der Verteilung gesellschaftlicher Güter, wie Strom, Telefonfrequenzen oder Medikamenten, steht nicht die Gewinnmaximierung sondern die Versorgungsicherheit an erster Stelle.

Darüber hinaus sind unterschiedliche Gebotsformen gebräuchlich. So starten bspw. englische Auktionen mit niedrigen Preisen, die sich so lange erhöhen, bis nur noch ein Bieter übrig bleibt. Mitbieter erfahren daher wann bzw. bei welchem Preis die Konkurrenten aussteigen und können dies mit ihrer eigenen Bewertung abgleichen. Die Gefahr einer zu hohen Bewertung wird dabei verringert, so dass Bieter sich eher trauen, höhere Gebote abzugeben.

Bei holländischen Auktionen wird dagegen mit einem hohen Preis gestartet. Dieser Preis sinkt, bis sich ein Bieter findet. Die Information, wie andere Bieter den Preis bewerten, fehlt bei dieser Form der Auktion. So erhöht sich das Risiko am Ende der Auktion einen überhöhten Preis zu zahlen (winner’s curse = Fluch des Gewinners).

Amerikanische Auktionen wiederum werden häufig zu wohltätigen Zwecken durchgeführt. Hierbei zahlen alle Bieter, aber nur der Bieter des Höchstgebotes erhält den Zuschlag.

Wilson und Milgrom haben die Standardmodelle von Auktionen weiterentwickelt und sich mit den Fällen befasst, in denen es sowohl mehrere Bieter, als auch mehrere zu versteigernde Güter gibt. So entstand mit der simultanen Mehrrundenauktion (Simultaneous Multiple Round Auction, SMRA) ein neues Auktionsformat. Bei dieser Auktionsform werden alle Objekte gleichzeitig mit aufsteigenden Geboten und in mehreren Durchgängen angeboten. Dadurch verringert sich für den Bieter die Unsicherheit und damit die Gefahr, vom Fluch des Gewinners getroffen zu werden.

Erstmals wurde diese Form 1994 für die Versteigerung von Telekommunikations-Frequenzen in den USA angewandt. Milgrom und Wilson entwickelten damals ein Modell, wie solche Frequenzen am Besten versteigert werden können. Dabei gingen sie davon aus, dass Telekommunikationsanbieter nur dann bereit sind einen hohen Preis zu zahlen, wenn sie dafür alle Lizenzen in einer definierten Region erhalten. Einzelne Lizenzen hingegen sind für diese Anbieter uninteressant. Milgrom und Wilson schlugen daher vor, dass die Konzerne so lange für sämtliche Lizenzen bieten können, bis für keine Lizenz mehr ein Gebot abgegeben wird. Seither findet diese Aktionsform weltweit Anwendung. Bisher sind schätzungsweise  Einnahmen in der Höhe von  insgesamt 200 Milliarden Dollar erzielt worden.

Auch die jüngste Versteigerung der 5G-Mobillizenzen in Deutschland wurde maßgeblich von Wilsons und Milgroms Forschungen beeinflusst. Nach 12 Wochen mit 497 Runden wurden die Lizenzen durch fünf Kommunikationsunternehmen zum Preis von 6,6 Millionen Euro ersteigert. Die Bundesnetzagentur hatte dabei den Zuschlag an die Bedingung geknüpft, einen flächendeckenden Netzausbau zu garantieren. „Die Erkenntnisse der beiden Nobelpreisträger sind genutzt worden: Nicht der höchste Erlös sondern das beste Ergebnis bei der Netzversorgung stand im Mittelpunkt“, stellte der Bremer Finanzwissenschaftler Rudolf Hickel im Handelsblatt fest.

Das Nobelpreiskomitee hat in diesem Jahr daher eine gute Balance zwischen einer wissenschaftlichen Theorie und deren praktischer Anwendung gefunden. Denn die Auktionstheorie kommt aus einem sehr abstrakten mathematischen Gebiet, hat aber mittlerweile ein großes Anwendungsfeld. Auktionen sind schwierige Probleme der Spieltheorie, die Entscheidungsprobleme mathematisch analysiert.

Allerdings haben nicht erst die diesjährigen Preisträger auf diesem Gebiet geforscht. Bereits 1994 und 1996 wurden Arbeiten aus dem Gebiet der Spieltheorie mit dem Gedächtnispreis ausgezeichnet. 1996 erhielten William Vickrey und James Mirrlees für „ihre grundlegenden Beiträge zur ökonomischen Theorie von Anreizen bei unterschiedlichen Graden von Information der Marktteilnehmer“ den begehrten Preis. Bereits 1994 gab es den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften für „die grundlegende Analyse des Gleichgewichts in nicht-kooperativer Spieltheorie“. Damals ging der Preis an die US-Amerikaner John Harsanyi und John Forbes Nash Jr. sowie an den deutschen Reinhard Selten.

Aufbauend auf diesen Forschungen, haben Wilson und Milgrom weitere Überlegungen angestellt. So entstanden wichtige Grundlagen für die Ausgestaltung von Auktionen in unzähligen Wirtschaftsbereichen. Sie erlauben ein tiefes Verständnis des Verhaltens von Bietern und ermöglichen dadurch eine Bewertung verschiedener Auktionsregeln.

Die Arbeiten von Milgrom und Wilson sind heute wichtiger denn je. Auktionen sind mittlerweile Bestandteil wirtschaftswissenschaftlicher Lehrbücher und Auktionsdesign fester Bestandteil von Unternehmen und Behörden. Die zunehmende Digitalisierung erlaubt immer komplexere Auktionsformate im gesamten Wirtschaftsleben. Neben den Versteigerungen von Mobilfunkfrequenzen sind hier die Versteigerungen von Fischereiquoten, Emissionszertifikaten, Online-Auktionen, Auktionen auf Energiemärkten oder Beschaffungsauktionen in der Industrie zu nennen. Auch das Problem, wie knappe Medizingüter in Zeiten der Corona-Pandemie ethisch akzeptabel zugeteilt werden können, kann damit gelöst werden. Hierzu hat Robert Wilson gemeinsam mit Peter Cramton, Axel Ockenfels und Alvin Roth im Juni 2020 den Artikel „Borrow crisis tactics to get COVID-19 supplies to where they are needed” in Nature veröffentlicht. Darin schlagen die Autoren angesichts der Corona-Krise vor, für die Verteilung von Medizingütern eine künstliche Währung zu verwenden – ein Prinzip, das bereits von amerikanischen Lebensmitteltafeln angewendet wird.

Warum heißt der Preis „Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften“ und nicht Wirtschaftsnobelpreis?

Milgrom und Wilson haben keinen „echten“ Nobelpreis erhalten, denn dieser Preis wurde 1895 nicht  in Alfred Nobels Testament erwähnt. Erst 1968 ist dieser Preis von der Schwedischen Reichsbank in Gedenken an Alfred Nobel ins Leben gerufen und 1969 erstmals verliehen worden.

Der vollständige Name diese Preises lautet daher Sveriges Riksbanks pris i ekonomisk vetenskap till Alfred Nobels minne, bzw. „Preis der Schwedischen Reichsbank in Wirtschaftswissenschaft zur Erinnerung an Alfred Nobel“. Da er jährlich gemeinsam mit den Nobelpreisen verliehen wird, hat sich die Bezeichnung Nobelpreis für die Wirtschaftswissenschaften bzw. Wirtschaftsnobelpreis durchgesetzt. Alfred Nobel selber sollen die Wirtschaftswissenschaften nicht geheuer und damit auch nicht preiswürdig gewesen sein. Daher gibt es bis heute die Namen der Wirtschaftsnobelpreisträger nur im Anhang des Verzeichnisses der Nobelpreisträger. Und auch die Medaille sieht für den Wirtschaftspreisträger etwas anders aus: Während bei den von Nobel gestifteten Preisen auf der Rückseite jeweils ein Zitat gemeinsam mit dem Namen des Preisträgers eingraviert sind, enthält die „Wirtschaftsmedaille“ kein Zitat und der Preisträger wird lediglich am Rand der Medaille eingraviert. Die Vorderseite aller Medaillen ziert jeweils ein Porträt von Alfred Nobel in verschiedenen Versionen.

Der Gedächtnispreis ist mit knapp einer Million Euro dotiert und wird gemeinsam mit den Nobelpreisen an Nobels Todestag, dem 10. Dezember, überreicht. Aufgrund der Corona-Pandemie werden die Preise aber 2020 nicht im Rahmen von Feierlichkeiten in Stockholm bzw. Oslo übergeben, sondern in den Heimatländern der diesjährigen Preisträger.

Ich möchte mehr erfahren. Wo finde ich die Arbeiten der beiden Forscher?

Milgroms und Wilsons Arbeiten sind im TIB-Portal zu finden. Darüber hinaus auch viele andere Veröffentlichungen zu den Themen Auktions- bzw. Spieltheorie.