Wie wichtig ist Wissenschaftler*innen Open Access?

Am 25. November 2020 hat das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) mit dem „Barometer für die Wissenschaft“ die Ergebnisse der Wissenschaftsbefragung 2019/20 veröffentlicht. Dafür wurden im Wintersemester 2019/20 8.882 Wissenschaftler*innen aller Statusgruppen an deutschen Universitäten und gleichgestellten Hochschulen befragt. Das Themenspektrum reicht von den Arbeits- und Forschungsbedingungen über die Drittmittelakquise bis zur Einschätzung wissenschaftspolitischer Themen. Eine Zusammenfassung und Interpretation der wichtigsten Ergebnisse findet sich unter anderem im Blog von Jan-Martin Wiarda. Hier soll der Aspekt „Publikationsstrategien“ herausgegriffen und näher beleuchtet werden.

Der Abschnitt „Publizieren“ umfasst unter anderem Fragen zur Anzahl der jährlichen Publikationen, den Publikationsformaten oder zur Bereitschaft zum anonymen Publizieren. Zur Frage, was für die Auswahl einer Zeitschrift wichtig ist, sollten die sechs Kriterien „Reputation des Journals“, „Kostenfrei für Autor:in“, „Gutachtenqualität“, „Journal Impact Factor (JIF)“, „Open Access“ und „Preprint erlaubt“ mit null (unwichtig) bis fünf Punkten (extrem wichtig) bewertet werden.

Frage: „Wie wichtig sind für Sie die folgenden Kriterien, wenn Sie eine Fachzeitschrift zur Einreichung eines Manuskripts auswählen?“, n=7018
Quelle: DZHW: Barometer für die Wissenschaft, S. 26 (CC BY-SA 3.0 DE)

Als wichtigstes Kriterium erweist sich mit Werten von oder über 4 die Reputation des Journals, in den Geistes- und Sozialwissenschaften gleichauf mit dem Kriterium der Kostenfreiheit für Autor*innen. Letzteres spielt in den Natur- und Lebenswissenschaften eine geringere Rolle, dort ist man es eher gewohnt und bereit, Artikelgebühren (APCs) oder page charges zu bezahlen und hat vermutlich auch häufiger Drittmittel dafür zur Verfügung.

Open Access liegt mit Werten um oder etwas über 3 in allen Fachgebieten im Mittelfeld, in der Reihung der Kriterien auf Platz vier oder fünf. Unwichtiger ist allen der Aspekt „Preprint erlaubt“, Geitstes- und Sozialwissenschaftler*innen auch der Journal Impact Factor. Lebenswissenschaftler*innen sind die einzigen, denen Open Access wichtiger als die Kostenfreiheit für Autor*innen ist. Dass letztere für viele Wissenschaftler*innen wichtig ist, ist (neben anderen) ein gutes Argument, Open-Access-Finanzierungsmodelle abseits von APCs zu finden und zu unterstützen, sei es durch Verträge mit Verlagen zur zentralen Kostenübernahme (wie sie die TIB mit etlichen Verlagen abgeschlossen hat) oder durch von der TIB ebenfalls unterstützte Konsortialmodelle wie SCOAP³ oder die Open Library of Humanities.

Ist das mäßige Abschneiden von Open Access in der DZHW-Befragung ein Widerspruch zu anderen Umfragen, wie etwa einer EU-weiten von 2016, in der 87 % der Befragten eine Zustimmung zu den Zielen von Open Access geäußert haben? Nicht unbedingt. Auch die Tatsache, dass nur rund 50 % der Zeitschriften-Artikel auf irgendeine Weise frei zugänglich sind, zeigt, dass Open Access als Prinzip vielleicht als wichtig gilt, in der Praxis aber andere Aspekte, wie der Impact Factor einer Zeitschrift, wichtiger sind. Während der Impact Factor als (problematisches) wichtiges Qualitätsmerkmal gilt, ist Open Access oftmals nur „wünschenswert“ und verspricht keinen unmittelbaren Vorteil, etwa bei Bewerbungen. Das ändert sich allerdings zunehmend durch Open-Access-Auflagen von Förderern, wie sie etwa ziemlich weitreichend im Plan S formuliert sind. Zusätzlich ist es eine wichtige Aufgabe für Forschungseinrichtungen, die Rahmenbedingungen und Anreize der Forschungsevaluation zu ändern und von rein quantitativen Metriken abzukommen, wie es unter anderem in der San Francisco Declaration on Research Assessment gefordert wird.

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... arbeitet im Bereich Publikationsdienste der TIB und ist insbesondere für Beratung und Schulungen zum Thema Open Access zuständig.

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