Fünf Jahre Open Library of Humanities – warum die TIB die OLH unterstützt

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Die Open Library of Humanities (OLH) ist eine gemeinnützige Publikationsplattform und arbeitet seit fünf Jahren erfolgreich für wissenschaftsfreundliches Open Access. Die TIB unterstützt die OLH und ist dem Modell beigetreten. Warum, zeigen wir im Beitrag.

Eine Episode aus der Praxis

Neulich hat mir ein Kollege von einer Zeitschrift erzählt. Spezialisiertes Fachgebiet, hochangesehen in ihrer Community, engagierte Herausgeber*innen. Klein aber fein, so darf man sie nennen.

Wer dort publiziert, hat’s gut. Denn die Zeitschrift erscheint außerdem im Open Access und weder die Leser*innen noch die Autor*innen müssen dafür zahlen. Den sperrigen Begriff „Article Processing Charges“ (APC) kennt man bei der Zeitschrift nicht. Der Träger, eine Forschungseinrichtung, kommt selbst für alle Kosten auf. Die Suche nach dem Open-Access-Funding entfällt für die Autor*innen, das Sparschwein muss nicht bangen.

Doch es gibt einen Haken: Fürs Verlegerische sorgt ein großer Verlag, mit dem man zu diesem Zweck einen Vertrag geschlossen hatte. Für die Dienstleistung erhält der Verlag eine Jahresgebühr, über die man nicht weiter reden muss. Man nennt es „sponsored“ Open Access. Doch der Verlag ist plötzlich unzufrieden mit der Zeitschrift. Er hat Geschäftsziele, er rechnet in Umsatz und Rendite. Die Zeitschrift ist zu klein. Sie rechnet in interessanten Forschungsbeiträgen und guten Einreichungen.

Jetzt hat der Verlag der Zeitschrift ein neues Angebot gemacht. So heißt das in Geschäftsschreiben, wo sich die Formulierung „Pistole auf die Brust setzen“ schlecht liest. Die Zeitschrift soll ihr Artikel-Volumen verdoppeln. Mindestens. Und sie soll APC einführen. Die APC sind hoch, kein Vergleich mehr mit den Zahlungen für die Dienstleistung.

Mehr Artikel, höhere APC. Das ist nicht schwer, glaubt der Verlag, denn er denkt an die großen Verträge, die er mit Bibliotheken und Forschungseinrichtungen geschlossen hat. Diese bezahlen für alle Beiträge, die die Wissenschaftler*innen ihrer Einrichtung publizieren. Wenn es mehr Beiträge werden, zahlen die Einrichtungen mehr APC.

Das ist nicht leicht, findet die Zeitschrift, denn sie weiß nicht, wo sie die zusätzlichen Beiträge hernehmen soll. Sie glaubt nicht, dass die Steigerung sinnvoll ist, publizistisch und akademisch betrachtet. Aber was soll sie machen? Der Verlag hat einen bekannten Namen und pflegt eine gute Adresse im Internet. Alle, die mit der Zeitschrift arbeiten, kennen den Namen und die Adresse. Die Zeitschrift will dort eigentlich nicht ausziehen.

Ganz ehrlich, die Geschichte hat mich ein wenig frustriert. Sie demonstriert exemplarisch die Mechanismen, denen das wissenschaftliche Publizieren allzu oft unterliegt – selbst wenn, und das ist besonders bitter, es sich um wissenschaftlich verantwortete Open-Access-Zeitschriften handelt.

Erfolgreiche Alternative

Dabei zeigen akademisch getragene Initiativen wie die Open Library of Humanities (OLH), dass es anders geht. Die OLH ist eine gemeinnützige Publikationsplattform mit Sitz in London, die auf die Anforderungen der Geistes- und Sozialwissenschaften ausgelegt ist.
Die OLH arbeitet als Not-for-Profit-Publishing-Partner für ausgewählte Zeitschriften, die auf Open Access umgestellt wurden und grundsätzlich ohne Article Processing Charges finanziert werden. Die Arbeit der Zeitschriften wird durch die Zahlungen des international besetzten OLH-Konsortiums sichergestellt, dem Bibliotheken, Hochschulen und Forschungsförderorganisationen angehören.

Mit diesem Modell konnte die OLH viele davon überzeugen, dass es Alternativen gibt zu APCs, Big Deals, dem Primat von Umsatz und Rendite. Seit ihrem Start im Jahr 2015 hat sie Anerkennung und Auszeichnungen für ihre Arbeit erhalten und sich deutlich vergrößert: von sieben Fachzeitschriften und 99 finanzierenden Einrichtungen auf 27 Zeitschriften und knapp 300 finanzierende Einrichtungen. Von der OLH kann man ebenfalls sagen: Sie hat einen bekannten Namen und pflegt eine gute Adresse.

Im Oktober 2020 feierte die OLH ihr fünfjähriges Bestehen. Als TIB sagen wir daher Happy Birthday OLH! Auch wir unterstützen Eure Arbeit und sind dem OLH-Konsortium beigetreten.

Der Zeitschrift mit der Pistole auf der Brust wünschen wir, dass es ihr gelingt, einen ebenso guten Verlagspartner zu finden und ihre wissenschaftliche Integrität zu behaupten.

Open-Access-Transformation

Das Publikationswesen kann zweifellos mehr Initiativen wie die der Open Library of Humanities gebrauchen. Auftrag der TIB ist es, optimalen Zugang zu wissenschaftlicher Literatur und Information zu ermöglichen, und sie erfüllt diesen auch über ihre Open-Access-Strategie. Vielfalt, Nachhaltigkeit und der Aufbau wissenschaftsfreundlicher Publikationsplattformen sind zentrale Aspekte der Open-Access-Transformation, die die TIB durch finanzielle Unterstützung und eigene Angebote mitgestaltet.

Mehr zur OLH erfahren Sie auch über zwei Vortragsaufzeichnungen in unserem AV-Portal.