Fünf Irrtümer über Open Access

Open Access ist eigentlich ein einfaches Prinzip: Wissenschaftliche Literatur soll allen kostenlos und frei nachnutzbar zur Verfügung stehen. In der Umsetzung ist Open Access hingegen bisweilen recht komplex, es sind diverse rechtliche und finanzielle Fragen damit verbunden und es haben sich unterschiedliche Varianten, insbesondere der „goldene“ und der „grüne“ Weg, herausgebildet. Das kann zu Missverständnissen und Irrtümern führen. Fünf verbreitete Irrtümer werden hier diskutiert und widerlegt.

1. Open-Access-Publikationen sind von minderer Qualität.

Ob eine wissenschaftliche Arbeit im Open Access oder hinter einer Paywall erscheint, sagt nichts über ihre Qualität aus. Viele Open-Access-Zeitschriften sind relativ jung, hatten also noch zu wenig Zeit, sich gegenüber den althergebrachten zu etablieren, sich Reputation aufzubauen und ggf. einen Impact factor zu bekommen. Das wird in der Wahrnehmung dann gerne mit mangelnder Qualität gleichgesetzt. Andererseits gibt es tatsächlich Open-Access-Zeitschriften, die nicht den üblichen Kriterien für wissenschaftliche Publikationen entsprechen und betrügerische Absichten haben. Dafür gibt es aber Mittel und Wege, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Diese sogenannten „predatory journals“ werden dennoch gerne als Vorwand genommen, um Open-Access-Zeitschriften pauschal zu diskreditieren. Zum Teil wurden Vorurteile auch bewusst von traditionellen Verlagen geschürt, so wurde beispielsweise immer wieder fälschlich behauptet, dass das Open-Access-Megajournal PLOS ONE lediglich „Peer Review light“ durchführe.

2. „Gold Open Access“ heißt, dass die Autor*innen zahlen müssen.

Der sogenannte „goldene Weg“ zu Open Access bedeutet, dass Veröffentlichungen am originalen Erscheinungsort mit Erscheinen frei zugänglich sind. Im Fall von Open-Access-Zeitschriften ist das in der Tat häufig mit sogenannten article processing charges (APCs) verbunden, die die Autor*innen für die Veröffentlichung bezahlen (in der Regel aber nicht aus der eigenen Tasche, siehe Punkt 3). Daneben gibt es aber zahlreiche Open-Access-Zeitschriften, bei denen keinerlei Gebühren für die Autor*innen anfallen. Da das APC-Modell einen hohen Verwaltungsaufwand und hohe Kosten verursacht, arbeiten zahlreiche Initiativen an alternativen Finanzierungsmodellen. Die Kosten werden in diesen Fällen von Bibliothekskonsortien, Fachgesellschaften o.ä. übernommen. Beispiele dafür sind SCOAP³ für Zeitschriften aus der Hochenergiephysik oder die Open Library of Humanities für die Geisteswissenschaften. Wenn man nur die Anzahl der Open-Access-Zeitschriften betrachtet, verlangt die Mehrheit (rund 70 % der im Directory of Open Access Journals gelisteten Zeitschriften) keine APCs.

Auch der Umkehrschluss ist übrigens falsch: Nur weil die Autor*innen dafür bezahlen müssen, ist eine Publikation nicht notwendigerweise Open Access. Auch etliche Subskriptionszeitschriften verlangen „page charges“ und bei wissenschaftlichen Büchern ist es traditionell üblich, teils recht hohe Druckkostenzuschüsse zu bezahlen.

3. Gold Open Access ist nur etwas für Reiche.

Im Idealfall fallen erst gar keine Gebühren an (siehe Punkt 2). Wenn APCs zu bezahlen sind, gibt es meistens Möglichkeiten der Finanzierung. Förderer wie die DFG, das BMBF oder die EU stellen Mittel bereit, mit denen Publikationen aus geförderten Projekten finanziert werden können. Zahlreiche Universitäten (wie auch die Leibniz Universität Hannover) und Forschungseinrichtungen betreiben Publikationsfonds, die unter gewissen Bedingungen die Kosten übernehmen oder haben Verträge mit Verlagen, dass die Gebühren zentral beglichen werden.

Seriöse Zeitschriften erlassen Autor*innen aus einkommensschwachen Ländern die APCs ganz oder teilweise (und bei seriösen Zeitschriften ist die Frage der Bezahlung völlig unabhängig von der Entscheidung, einen Beitrag zu akzeptieren oder abzulehnen). In Fachgebieten, in denen generell weniger (Dritt-)Mittel zur Verfügung stehen, wie beispielsweise den Geisteswissenschaften, werden häufig gar keine APCs verlangt, und wenn, dann sind sie im Schnitt deutlich niedriger als in den Natur- und Lebenswissenschaften.

4. „Green Open Access“ ist ohne Peer Review.

Der sogenannte „grüne Weg“ zu Open Access bedeutet, dass Publikationen, die in einer herkömmlichen Zeitschrift veröffentlicht wurden, möglichst zeitnah in einem Repositorium zweitveröffentlicht werden. Dabei handelt es sich häufig um die Verlagsversion oder um die akzeptierte Manuskriptfassung, die zwar nicht im Layout, aber inhaltlich mit der Verlagsversion übereinstimmt. In vielen Fächern ist es auch üblich, Preprints auf entsprechenden Servern hochzuladen. Diese sind zunächst meist tatsächlich nicht begutachtet, in der Regel werden die Dokumente aber später durch die akzeptierte Version ersetzt.

Besonders in institutionellen Repositorien finden sich auch Originalveröffentlichungen. Dabei handelt es sich oft um Publikationen, die ohnehin kein klassisches Peer Review durchlaufen, wie Forschungsberichte, Konferenzbeiträge, Dissertationen oder Abschlussarbeiten von Studierenden.

Das Fehlen von Peer Review bedeutet außerdem nicht automatisch schlechte Qualität: Der russische Mathematiker Grigori Perelman hat seinen Beweis der lange Zeit unbewiesenen Poincaré-Vermutung nur auf arXiv veröffentlicht, ganz ohne formale Begutachtung. Dennoch hat ihm die Arbeit die Fields-Medaille, den „Nobelpreis“ der Mathematik, eingebracht (die er jedoch abgelehnt hat). Aufgrund der Bedeutung der Arbeit haben zahlreiche Mathematiker*innen von sich aus die Arbeit akribisch nachvollzogen, Unklarheiten beseitigt, einige Ungenauigkeiten ausgebessert etc., und das vermutlich besser, als es ein einzelner Gutachter geschafft hätte.

5. Open Access ist nur etwas für Zeitschriften.

Es ist richtig, dass Open Access lange Zeit ausschließlich auf Zeitschriften beschränkt war.  Auch viele Finanzierungsmodelle wie Publikationsfonds und Konsortien sind nach wie vor darauf fokussiert. Seit einigen Jahren tut sich aber auch beim Thema Open Access für Monographien einiges. In den buchaffinen Geistes- und Sozialwissenschaften hat man die Vorteile von frei zugänglichen E-Books (zumindest zusätzlich zu Druckausgaben) entdeckt und es wurden verschiedene Publikations- und Finanzierungsmodelle entwickelt. Viele Verlage bieten die Möglichkeit, Bücher zusätzlich zur Printausgabe nicht als kostenpflichtiges E-Book, sondern Open Access zu veröffentlichen, sei es zeitgleich oder mit einer Embargofrist. Für die Finanzierung werden zunehmend Publikationsfonds geschaffen, wie z.B. von der Leibniz-Gemeinschaft, Plattformen wie ENABLE! oder OAPEN sorgen für Infrastruktur und Vernetzung aller Beteiligten und die weitere Förderung von Open-Access-Monographien.

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Stefan Schmeja
... arbeitet im Bereich Publikationsdienste der TIB und ist insbesondere für Beratung und Schulungen zum Thema Open Access zuständig.
Stefan Schmeja

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