Die TIB unterstützt die Initiative for Open Abstracts

ein Beitrag von Marco Tullney und Christian Hauschke

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Was ist die Initiative for Open Abstracts (I4OA)?

Die Initiative for Open Abstracts (I4OA) ruft Wissenschaftsverlage dazu auf, die Abstracts der bei ihnen veröffentlichten Werke frei zur Verfügung zu stellen und sie an einem zentralen Ort, im Metadatensystem von Crossref, zu sammeln. Eine Gruppe von Initiator*innen, insbesondere auch von Expert*innen aus Wissenschaftsforschung und Bibliometrie, hat zum Start eine lange Liste von Verlagen versammelt, die diesem Appell folgen möchten. Auch wenn die größten Verlage bisher fehlen: Viele weitere Organisationen teilen das aufgerufene Ziel und begleiten die Initiative. Die Technische Informationsbibliothek gehört zu diesen Stakeholdern und appelliert gemeinsam mit der I4OA an alle Wissenschaftverlage, ihre Metadaten entsprechend anzureichern und offen zugänglich zu machen. Eine Blaupause für dieses Vorgehen liefert die Erfolgsgeschichte der Initiative for Open Citations (I4OC), der es in wenigen Jahren gelang, viele hundert Verlage zum Mitmachen und zur freien Veröffentlichung von Zitationsinformationen für etwa 30 Millionen wissenschaftliche Veröffentlichungen zu bewegen.

Wozu können frei verfügbare Abstracts dienen?

Die wesentlichen Vorteile frei verfügbarer Abstracts haben die an der Initiative beteiligten Aaron Tay, Bianca Kramer und Ludo Waltman im Text „Why openly available abstracts are important — overview of the current state of affairs“ zusammengefasst. Hierzu gehört die Nutzung von Abstracts für die Literatursuche und für die Analyse von Beziehungen zwischen den zugehörigen Texten (zum Beispiel anhand der Ähnlichkeit der Abstracts). Auch die Extraktion von Bedeutungen und Termen aus Abstracts wird ermöglicht, wenn Abstracts ohne Hürden frei verfügbar sind. Alle diese Punkten sind selbst dann noch relevant, wenn mehr und mehr Publikationen im Volltext verfügbar sind: Abstracts enthalten sehr komprimierte und fokussierte Informationen und können in Suchen hilfreicher sein als Volltextsuchen.

Abstracts können dann von anderen Diensten, zum Beispiel Repositorien oder Forschungsinformationssystemen, frei übernommen werden. Sie können als Grundlage für die (teil-)automatisierte Sacherschließung dienen und in anderen Repräsentationen wie Wissensgraphen genutzt werden.

Fehlen denn noch viele Abstracts?

Availability of abstracts in Crossref for different publishers (journal content, 2018–2020)
Availability of abstracts in Crossref for different publishers (journal content, 2018–2020), CC BY 4.0 Aaron Tay, Bianca Kramer & Ludo Waltman. Source: Why openly available abstracts are important — overview of the current state of affairs

Während kommerzielle Datenbanken wie Web of Science nur einen kleinen Ausschnitt der wissenschaftlichen Literatur abbilden, können die Metadaten von Crossref einen Großteil der wissenschaftlichen Verlagsliteratur abdecken. Der Anteil der veröffentlichten Artikel, für die Abstracts in den Metadaten enthalten sind, schwankt gewaltig. Die aus dem oben genannten Medium-Artikel entnommene Grafik zeigt, wie bei großen Verlagen wie Elsevier, Springer, Wiley oder auch IEEE oder ACS bei hohem Publikationsaufkommen keine Abstracts verfügbar sind. Außerdem fehlen auch für Open-Access-Verlage und -Plattformen wie PLOS oder SciELO Abstracts ganz oder teilweise, während es einigen Verlagen (traditionelle wie auch neue Open-Access-Verlage) gelingt, für den Großteil ihrer Artikel Abstracts bereitzustellen.

Wer schafft den Erfolg?

Der Appell der Initiative richtet sich an Wissenschaftsverlage, nicht nur ihre Referenzen (siehe I4OC), sondern auch ihre Abstracts zur Verfügung zu stellen und via Crossref zu verteilen. Hier ist möglichst breiter Druck von allen Akteuren der Publikationslandschaft sinnvoll. Die Stakeholder, die bereits jetzt I4OA unterstützen, appellieren an die Verlage in diesem Sinne. Über die Participation Reports von Crossref (hier Beispiele für IEEE und Copernicus) lässt sich verfolgen, wie hoch der Anteil beim jeweiligen Verlag ist.

Doch für Bibliotheken wie die TIB ergeben sich weitere Chancen, auf dieses Ziel hinzuarbeiten.

  • In Lizenzverhandlungen mit Verlagen kann das Thema Open Abstracts im Kontext guter Metadaten angesprochen werden und als Verhandlungsziel aufgenommen werden. Selbst wenn es  in der jeweiligen Einrichtung als ein gegenüber zum Beispiel Open Access und Kosten nachrangiges Verhandlungsziel bewertet wird, ist es hilfreich, dass Vertragsentwürfe auch auf diesen Punkt hin geprüft und Verlage mit der Forderung konfrontiert werden. Dies gilt auch für die Unterstützung neuer Open-Access-Modelle und -Produkte.
  • Bei eigenen Publikationsplattformen können Bibliotheken mit guten Beispiel vorangehen. Open-Access-Publikationen auf Zeitschriftenservern und anderen an Crossref angeschlossenen Diensten sollten selbstverständlich komplette Metadaten inklusive Abstracts frei zur Verfügung stellen.
  • Bibliotheken können Metadaten tatsächlich nutzen. Ohne konkrete Nutzung hochqualitativer Metadaten bleiben Potenziale ungenutzt. Durch die Integration der über Crossref zur Verfügung gestellten Abstracts in eigene Dienste wie zum Beispiel Discovery-Tools, Wissensgraphen, Repositorien wird die Nützlichkeit der Daten unter Beweis gestellt und der Ansporn für Verlage erhöht, sich anzuschließen.
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Marco Tullney

... leitet den Bereich Publikationsdienste der TIB und koordiniert deren Open-Access-Aktivitäten.