Preprint-Server mit Problemen

Vor drei Jahren habe ich hier im Blog über den Aufschwung der Preprint-Server berichtet. Inzwischen sind viele der damals gestarteten Angebote zu wichtigen Werkzeugen der jeweiligen Fachcommunity geworden und beinhalten teilweise mehrere tausend Dokumente. Durch die Covid-19-Pandemie sind Preprint-Server jüngst auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden, da insbesondere über bioRxiv und medRxiv neue (und bisweilen auch fragwürdige) Forschungsergebnisse zum SARS-CoV-2-Virus verbreitet werden.

Als einen Grund für den 2017 beobachteten Boom habe ich damals die Plattform OSF genannt, die eine einfache technische Umsetzung ermöglicht und von vielen genutzt wird. Genau das scheint nun zum Problem zu werden. Das Center for Open Science, Betreiber der Plattform, hat schon 2018 angekündigt, dass zur Deckung der Kosten ab 2020 Gebühren verlangt werden müssen, die bei mehreren tausend Dollar im Jahr liegen können. Während hinter manchen Preprint-Servern wie bioRxiv oder ChemRxiv große Forschungseinrichtungen oder Fachgesellschaften stehen, werden viele der 26 Angebote auf OSF ohne institutionelle Unterstützung von Freiwilligen aus der jeweiligen Community betrieben. Die neu eingeführten Gebühen bereiten vielen der Preprint-Server Probleme und sie haben unterschiedlich reagiert. MarXiv (Meeresforschung) nimmt keine neuen Preprints mehr an. AfricArXiv bittet um Spenden. AgriXiv (Agrarwissenschaften) wurde zu agriRxiv und wird vom Centre for Agriculture and Bioscience International unterstützt. EarthArXiv (Geowissenschaften) hat verschiedene Alternativen öffentlich diskutiert, darunter den Wechsel auf eine andere Plattform oder das Betreiben eines „virtuellen Servers“, der nicht mehr selbst die Volltexte bereitstellt, sondern die auf unterschiedlichen institutionellen Repositorien oder Plattformen wie Zenodo hochgeladenen Dokumente nachweist. Vor kurzem ist EarthArXiv schließlich eine Kooperation mit der California Digital Library eingegangen, die den Preprint-Server in Zukunft hosten wird. Bei anderen Servern scheint noch unklar zu sein, wie die Zukunft aussieht oder ob es überhaupt eine gibt.

Ein weiteres Problem mancher Preprint-Server ist die mangelnde Akzeptanz in der Community. Während viele rasch großen Zuspruch gefunden haben und tausende Preprints beinhalten, weisen andere nur wenige Dokumente auf und stoßen bisweilen sogar auf Vorbehalte. Als MarXiv auf einer Konferenz vorgestellt wurde, wurde laut Bericht die Vortragende für den Vorschlag, Preprints hochzuladen, ausgelacht.

Einer ganz anderen Herausforderung sehen sich derzeit die oben genannten lebenswissenschaftlichen Preprint-Server bioRxiv und medRxiv gegenüber. Sie sind durch einige fragwürdige Preprints, die von den Medien aufgegriffen wurden, in Kritik geraten. Hier liegt das Problem vor allem darin, dass Teile der Öffentlichkeit und der Medien den Sinn und die Funktionsweise von Preprints zu wenig verstehen und diese bewusst oder unbewusst auf eine Stufe mit begutachteten Publikationen stellen. Dieses mangelnde Verständnis betrifft aber nicht nur Preprints, sondern die Wissenschaft im Allgemeinen, die nicht immer schnelle und sichere Antworten bieten kann. Auch nach einem sorgfältigen Peer Review und dem Erscheinen in einer Zeitschrift enthält ein Artikel keine absoluten Wahrheiten, sondern im besten Fall „nur“ den aktuellen Stand der Forschung, der jederzeit durch neue Erkenntnisse widerlegt werden kann.

Unter den unterschiedlichen Problemen scheint aber die Finanzierung das größte zu sein. Wieder einmal zeigt sich, dass die nachhaltige Finanzierung von nicht-kommerziellen Open-Access-Angeboten immer eine Herausforderung darstellt – und das, obwohl die Kosten, etwa im Vergleich mit typischen Artikelgebühren für Open-Access-Artikel bei kommerziellen Verlagen, relativ gering sind. Selbst das etablierte, für die entsprechenden Communities unverzichtbare arXiv ist nicht völlig frei von solchen Sorgen und muss sich immer wieder Gedanken über die Finanzierung machen. Schade, dass es oft leichter zu sein scheint, Gelder für neue Projekte aufzutreiben, als etablierte Plattformen am Laufen zu halten.

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Stefan Schmeja
... arbeitet im Bereich Publikationsdienste der TIB und ist insbesondere für Beratung und Schulungen zum Thema Open Access zuständig.