Warum „freier Zugang“ und „Open Access“ nicht dasselbe sind

In dieser Zeit der Covid-19-Pandemie haben viele Verlage die Zugriffseinschränkungen für wissenschaftliche Literatur gelockert. Zunächst für SARS-CoV-2-relevante Forschung, um die Bekämpfung des Virus zu beschleunigen, seit dem Schließen von Universitäten und Bibliotheken für alle Fachgebiete, um den zu Hause sitzenden Forschenden und Studierenden den Zugang zur Literatur zu erleichtern. Das ist erfreulich und hilfreich, man sollte sich aber bewusst sein, dass es sich dabei in der Regel nicht um Open Access im eigentlichen Sinn handelt. Open Access bedeutet, dass wissenschaftliche Information dauerhaft ohne finanzielle, technische und rechtliche Barrieren zugänglich ist sowie weiterverbreitet und nachgenutzt werden kann.

Drei wesentliche Punkte unterscheiden viele Covid-19-bedingte Angebote von echten Open-Access-Angeboten:

  • Sie sind nicht ungehindert zugänglich: Oft gelten die Angebote nur für Hochschulangehörige und sind dementsprechend nur mit Hürden, z.B. über VPN oder mit Zugangsdaten und Passwort, erreichbar. Wie es jemand in einer Mailingliste ausgedrückt hat (frei übersetzt): Es gibt jetzt „das gutgemeinte Lizenzdickicht, das über das normalerweise übliche restriktive Lizenzdickicht gelegt wurde.“
  • Sie sind nur temporär zugänglich: Wenn die Angebote nicht ohnehin mit einem konkreten Ablaufdatum versehen sind (das vermutlich je nach Entwicklung der Lage gnädig verlängert wird), zeigt die Erfahrung mit Ebola, Zika und anderen Epidemien, dass die Literatur nach Abklingen der Krise wieder sang- und klanglos hinter Paywalls verschwindet. Es wurde sogar eine „Open COVID License“ geschaffen – gültig bis ein Jahr, nachdem die WHO die Covid-19-Pandemie für beendet erklärt hat.
  • Sie sind nicht nachnutzbar: Open-Access-Dokumente sind dank freier Lizenzen unter klar definierten Bedingungen nachnutzbar, oft auch veränderbar. Sie können dadurch problemlos in der eigenen Lehre verwendet werden, was gerade in diesen Zeiten der oftmals improvisierten Online-Lehre sehr hilfreich sein kann. Bei temporär frei zugänglicher Literatur gelten in der Regel die engen Grenzen des Urheberrechts.

So erfreulich die aktuelle Lockerung der Zugangsbestimmungen ist, zeigt die Corona-Krise auch, wie wichtig generelles Open Access für die Wissenschaft ist. Der ungehinderte Zugang zu wissenschaftlicher Information ist für das Voranschreiten der Forschung unabdingbar. Nicht nur für Forschende an gut ausgestatteten Universitäten in reichen Ländern, nicht nur für Forschung zu gerade aktuellen Krankheiten, sondern für alle Interessierten und für alle Fachgebiete. Die gegenwärtige Krise könnte also ein guter Anlass sein, auf institutioneller Ebene Open Access noch weiter zu stärken und als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler selbst Open Access zu publizieren oder zumindest die Möglichkeiten zur Zweitveröffentlichung wahrzunehmen. Wir sind dabei gerne behilflich, auch und gerade jetzt.

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Stefan Schmeja
... arbeitet im Bereich Publikationsdienste der TIB und ist insbesondere für Beratung und Schulungen zum Thema Open Access zuständig.
Stefan Schmeja

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