Das Coronavirus und die Bedeutung einer offenen Wissenschaft

Struktur des Coronavirus 2019-nCoV. Grafik: Centers for Disease Control and Prevention (CDC), Public Domain

Alle Jahre wieder hält eine Epidemie – aktuell durch das Coronavirus 2019-nCoV – die Welt in Atem, und alle Jahre wieder zeigt sich, dass die Verbreitung der Forschungsergebnisse der Verbreitung der Viren hinterherhinkt. Zur unvermeidlichen Zeit, die sorgfältige Analysen benötigen, kommt, dass Forschungsergebnisse oft in kostenpflichtigen Fachzeitschriften erscheinen, die für viele Menschen, etwa Forschende an kleineren Einrichtungen oder in Entwicklungsländern oder niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, nicht zugänglich sind. Wie schon zuvor beim Zika-Virus, SARS oder Ebola stellen Wissenschaftsverlage daher Artikel zu 2019-nCoV, die sich normalerweise hinter einer Paywall befinden, temporär frei zur Verfügung. Das ist löblich und ein Gewinn für die Erforschung und Bekämpfung der Krankheit, allerdings drängt sich der Gedanke auf, dass die Verlage das nicht nur aus Liebe zur Menschheit machen, sondern dabei auch Marketinggründe eine Rolle spielen.

Neben der freien Zugänglichkeit spielt aber auch die Geschwindigkeit eine zentrale Rolle bei der Erforschung des Virus. Das renommierte New England Journal of Medicine verspricht nicht nur eine rasche Bearbeitung von allen Artikel zu nCoV und macht sie mit Veröffentlichung frei zugänglich, sondern empfiehlt auch, Manuskripte auf Preprint-Servern mit der Fachcommunity zu teilen. Preprint-Server, in diesem Fall bioRxiv und medRxiv, bieten die Möglichkeit, Forschungsergebnisse noch vor der Begutachtung und Annahme durch eine Zeitschrift und damit wesentlich schneller der Community und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Natürlich gibt es auch Vorbehalte gegen die Nutzung von Preprint-Servern für medizinische Arbeiten. Während Artikel in Zeitschriften eine Begutachtung durch Peer Review durchlaufen haben, wodurch falsche Annahmen, eine ungeeignete Methodik oder fragwürdige Schlussfolgerungen erkannt und behoben werden sollten, ist das bei Preprints, abgesehen von einer formalen Prüfung, nicht der Fall. Das kann natürlich dazu führen, dass fragwürdige oder falsche Aussagen verbreitet werden. So wurde etwa in einem Preprint auf bioRxiv ein Zusammenhang zwischen nCoV und HIV (und andeutungsweise eine menschliche Manipulation) behauptet. Das hat manche zur Aussage „Preprints sind schlecht“ verleitet, und in der Tat ist es problematisch, wenn ungeprüfte Aussagen für bare Münze genommen werden oder über die Medien als solche verbreitet werden. Was in Fächern wie Physik oder Mathematik, wo es mit arXiv eine fast 30-jährige Preprint-Kultur gibt, nur ärgerlich ist, kann in der Medizin schlimmstenfalls Leben gefährden. bioRxiv und medRxiv haben deshalb auf ihren Seiten deutliche Warnhinweise, dass es sich bei den Preprints um vorläufige, nicht begutachtete Ergebnisse handelt, die weder als endgültig betrachtet werden, noch in den Medien als etabliertes Wissen dargestellt werden sollten.

Was als Gefahr gesehen wird, ist aber auch ein Vorteil von Preprints: Artikel werden zusätzlich zum formalisierten Peer Review von der Community einer kritischen Prüfung unterzogen und erhalten ggf. zeitnah Feedback. Unklare, fragwürdige oder gar falsche Aussagen können so rasch richtiggestellt werden. Im oben erwähnten Fall wurden fast hundert kritische Kommentare auf bioRxiv gepostet und der Preprint daraufhin von den Autorinnen und Autoren zurückgezogen. Ein weiterer Vorteil von Preprints ist, dass sie frei zugänglich bleiben, auch wenn die aktuelle Epidemie eingedämmt ist und die Zeitschriftenartikel wieder hinter einer Paywall verschwunden sind.

Im Übrigen ist auch Peer Review und das Erscheinen in einer Zeitschrift kein hundertprozentiger Garant für die Richtigkeit des Inhalts. Einerseits gibt es mit sogenannten Predatory Journals eine Reihe von Zeitschriften mit unseriösem Geschäftsmodell und mangelhaftem oder fehlendem Peer Review, andererseits findet sich auch in renommierten Zeitschriften bisweilen „Fake Science“. Man denke etwa an den in The Lancet publizierten, aber widerlegten Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus.

So wichtig die aktuelle anlassbezogene Forschung zu nCoV ist, so wichtig ist auch, dass kontinuierlich und langfristig an Viren und anderen Krankheitserregern geforscht wird. Unerlässlich dafür ist, dass Forschungsergebnisse im Sinne von Open Access und Open Science generell frei zugänglich sind und nicht nur temporär anlässlich einer Epidemie. Zu den Forschungsergebnissen gehören im übrigen nicht nur die Publikationen, sondern auch die Daten. Nur wenn auch die geteilt werden, kann der bestmögliche Erkenntnisgewinn erzielt werden.

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Stefan Schmeja
... arbeitet im Bereich Publikationsdienste der TIB und ist insbesondere für Beratung und Schulungen zum Thema Open Access zuständig.
Stefan Schmeja

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