Begleitband zur aktuellen Ausstellung „Herrenhausen und Europa. Ein Gartennetzwerk“ jetzt auch kostenfrei als E-Book verfügbar

ein Beitrag von Hedda Saemann und Susanne Nicolai

Begleitend zur gleichnamigen Ausstellung hat das Historische Museum Hannover mit Unterstützung der Technischen Informationsbibliothek die Publikation „Herrenhausen und Europa. Ein Gartennetzwerk – Druckgrafik aus der Sammlung Albrecht Haupt“ herausgegeben. Diese ist nun auch im Open Access unter CC-BY-Lizenz erschienen und über das LUH-Repositorium verfügbar.

Neben einer Einführung in die Sammlung Albrecht Haupt der TIB sowie einigen biographischen Schlaglichtern auf deren Begründer wirft der Ausstellungsband – an dem auch die HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst mitgearbeitet hat – einen spannenden Blick auf konservatorische Herausforderungen und Erkenntnismöglichkeiten anhand des Trägermediums Papier.

Das Thema Gartenkunst bildet indes den großen inhaltlichen Schwerpunkt der Publikation, indem nicht nur die europäische Gartengeschichte der letzten vier Jahrhunderte anschaulich und detailreich anhand verschiedener Beispielgärten nachgezeichnet wird, sondern zugleich Netzwerke und damit einhergehende wechselseitige Einflüsse in den näheren Blick genommen werden.

So lässt sich beispielsweise anhand der Korrespondenzen der späteren Kurfürstin Sophie von Hannover belegen, dass sie berühmte italienische sowie französische Gärten auf ihren ausgedehnten Reisen in eigener Anschauung kennenlernen konnte, die später möglicherweise auch als Inspirationsquelle für Gestaltungselemente in Herrenhausen dienten.

Abb. 1: Ansicht des Gartens des Großherzogs der Toskana an der Kirche Trinita di Monti auf dem Monte Pincio, Beschriftung: „Prospettiva del Giardino del Serenis.mo Gran Duca di Toscana alla Trinita de Monti su‘ l Monte Pincio“, Kupferstich, aus: Giovanni Battista Falda: Li Giardini di Roma, Rom, 1670 – Technische Informationsbibliothek, 2 Haupt 359

Der Barockgarten Herrenhausen ist nämlich keine Erfindung innovativer Gartenarchitekten. Er ist Teil dieses europäischen Gartennetzwerks. Die Gestaltung des Lustgartens steht in einer langen Tradition der Gartenkünste. Die Einflüsse, die sich im architektonischen Plan des Gartens, in der Auswahl und Konfiguration der Pflanzen, in der Anordnung von Skulpturen und Pavillons sowie der Einbindung des Elements Wasser abbildeten, entstammen Vorbildern, die seit der Renaissance im europäischen Kulturraum zirkulierten: Zu den in der Ausstellung gezeigten Gartenvorbildern aus Italien, Frankreich und den Niederlanden zählt etwa der quadratisch gegliederte Lustgarten der Villa Medici am südlichen Rand des Monte Pincio in Rom, in dem die 1584 von Ferdinando de‘ Medici erworbene Antikensammlung aufgestellt war (Abb. 1).

Im Kapitel zu den französischen Leitbildern führt Ausstellungskurator und Herausgeber Andreas Urban aus, wie König Louis XIV. als Symbol für den Anspruch des mächtigsten Regenten der Barockzeit mit dem Schloss und Barockgarten in Versailles ab 1662 ein stadtartiges Ensemble mit einem grenzenlos erscheinenden Garten schuf (Abb. 2). Die Arbeiten an dieser räumlich gestaffelten und an einer kilometerlangen Zentralachse ausgerichteten Gartenanlage, in der die Hofgesellschaft in Miniaturschiffen auf dem Wasser fahren und Seeschauspielen zusehen konnte, dauerte über dreißig Jahre.

Abb. 2: „Le Chateau de Versailles“, Kupferstich, aus: Gabriel Perelle: Veue des belles maisons de France, Paris, um 1730 – Technische Informationsbibliothek, 2 Haupt 842

Ein weiteres viel bewundertes Gartenvorbild war Ende des 17. Jahrhunderts die Sommerresidenz des niederländischen Statthalters und späteren englischen Königs Willem von Oranien. Der Barockgarten Het Loo bei Apeldoorn war auf zwei gegeneinander leicht versetzten Ebenen angelegt (Abb. 3). Im erhöhten oberen Garten befanden sich eine halbkreisförmige Kolonnade, ein Königsgarten mit einem von Flechthecken eingefassten „cabinet de verdure“, eine von niedrigen Buchshecken umgebene Rasenfläche sowie ein Brunnen mit der damals höchsten Fontäne Europas.

Abb. 3: „Generale Afbeelding vant’ Lust-Huijs en Hof von sijn Koninklijke Majestijt von Groot Brittannie op t’ Loo“, Zeichnung und Kupferstich von Bastiaen Stopendaal, um 1700 – Technische Informationsbibliothek, m N GR A 2

Den berühmtesten herrschaftlichen Renaissancegarten im deutschsprachigen Raum ließ der Vater von Kurfürstin Sophie, Friedrich V. von der Pfalz, ab 1614 in Heidelberg von Salomon de Caus anlegen, einem auf hydraulische und musikalische Maschinen für Wasserspiele und bewegliche Figuren spezialisierten Ingenieur und Architekten. Die Arbeiten am terrassierten Hortus Palatinus (Abb. 4) wurden jedoch mit Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges eingestellt, die Anlage 1620 zerstört.

Ließen sich die prachtvollen Gärten anfangs lediglich durch eigene Anschauung näher in Augenschein nehmen, kam es im 17. und 18. Jahrhundert durch das Aufkommen neuer Drucktechniken wie Kupferstich oder Radierung zu einer zunehmenden Popularisierung des Gartensujets und aufwändige Reisen waren nicht mehr die einzige Möglichkeit, sich über aktuelle Gartenmoden zu informieren. Gartendarstellungen erreichten damit fortan ein breiteres Publikum und die Bekanntheit einzelner Gärten nahm nicht nur sprunghaft zu, sondern wurde durch die Gartengrafik glücklicherweise auch für die Nachwelt dauerhaft bewahrt. Viele der illustrierten Gartenanlagen sind zwischenzeitlich umgestaltet worden oder existieren – wie zum Beispiel der Hortus Palatinus – heute gar nicht mehr, sodass die Gartenbilder einzigartige Dokumente einer historischen Momentaufnahme darstellen.

Abb. 4: „Prospect des Churfürstlichen Pfälzischen Residenz-Schlosses und Lustgartens zu Heidelberg“, Kupferstich, aus: Salomon de Caus: „Hortus Palatinus a Friderico Rege Boemiae Electore Palatino Heidelbergae exstructus“, Frankfurt, 1620 – Technische Informationsbibliothek, 2 Haupt 223

Die Ausstellung „Herrenhausen und Europa. Ein Gartennetzwerk“ und die zugehörige Publikation zeigen eindrucksvoll eine Vielzahl solcher „historischer Gartenmomente“ und nehmen damit alle Interessierten mit auf eine eindrucksvolle Reise in die facettenreiche Vergangenheit der europäischen Gartenkunst.

Neben dem kostenlosen E-Book kann der mit vielen hochwertigen Abbildungen ausgestattete Begleitband zur Ausstellung in gedruckter Form im Shop des Museums Schloss Herrenhausen erworben oder an den TIB-Standorten Technik/Naturwissenschaften und Geschichte/Religionswissenschaft entliehen werden.


Quellen:

Urban, Andreas (Hrsg.): Herrenhausen und Europa. Ein Gartennetzwerk – Druckgrafik aus der Sammlung Albrecht Haupt. Begleitbuch zur Ausstellung im Museum Schloss Herrenhausen, 17. März 2019 bis 12. Januar 2020. Hannover 2019: https://doi.org/10.15488/5593

Hedda Saemann

… ist Fachreferentin für Bauwesen an der Technischen Informationsbibliothek (TIB) und betreut die Sondersammlung Albrecht Haupt.

Susanne Nicolai

… ist Fachreferentin für Geschichte, Sozialwissenschaften und Religionswissenschaft an der Technischen Informationsbibliothek (TIB).

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Hedda Saemann

… ist Fachreferentin für Bauwesen an der Technischen Informationsbibliothek (TIB) und betreut die Sondersammlung Albrecht Haupt und Dieter Hennebo.