Wo sind all die Konferenzen hin?

Die TIB baut im Projekt ConfIDent Infrastruktur für Metadaten zu wissenschaftlichen Veranstaltungen auf

Wie wäre es mit drei Nächten Prag oder Paris inklusive Flug, Hotel und Frühstück? Oder soll es doch lieber etwas weiter weg sein: Vancouver, Sydney oder Singapur? Gerne auch ein paar Tage länger, damit genug Zeit für die Sehenswürdigkeiten der Stadt bleibt.

Was klingt wie die Werbung für Angebote eines Reisebüros ist ein Geschäftsmodell der Anbieter von Pseudokonferenzen (fake conferences), auf denen sich eine oft sehr heterogene Gruppe von Vortragenden einfindet, die zu einer ebenso heterogenen Auswahl von Themen im besten Falle Vorträge präsentiert. Für jene, die auf dieses Modell hereingefallen sind, sind diese Veranstaltungen ein Reputationsalbtraum, den sie gerne vergessen möchten. Die Anbieter dieser Konferenzen locken mit attraktiven Konferenzorten, immer professioneller aufgemachten Websites und der Möglichkeit zur Publikation. Insbesondere im letzten Punkt greift der in den letzten Jahren auch für noch nicht promovierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler stetig gewachsene Druck, möglichst viel in kurzer Zeit zu publizieren. Diese Entwicklung hat die Tore für die Anbieter falscher Journals und Konferenzen geöffnet.

Journalisten von WDR, NDR und der Süddeutschen Zeitung hatten im Sommer 2018 über die Praktiken unseriöser Zeitschriftenverlage und Konferenzveranstalter berichtet und damit eine skandalträchtige öffentliche Debatte über Qualität in der Wissenschaft ausgelöst. Einer der beteiligten Journalisten, Peter Onneken, sprach im Rahmen des Digitalen Salons im April 2019 über Fake in Science – Schummeln in der Wissenschaft. Auch wenn Fake Science eher als Randphänomen zu werten ist, ist die Glaubwürdigkeit des wissenschaftlichen Qualitätssicherungsprozesses öffentlich angekratzt worden.

Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen als Vertreterin der zentralen Wissenschaftsorgane in Deutschland hat im Sommer 2018 eine Stellungnahme zur Qualitätssicherung wissenschaftlicher Veröffentlichungen herausgegeben, das Bundesministerium für Bildung und Forschung will nun Projekte fördern, die sich tiefer mit Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis im Bereich von Publikationen und Konferenzen beschäftigen.

Jene, die sich wissentlich und willentlich entscheiden, an Pseudokonferenzen teilnehmen, mögen einen Blick in die Neuauflage der DFG-Leitlinien zur guten wissenschaftlichen Praxis werfen. Auch Mittelgeber haben hier eine Handhabe, um die Finanzierung solcher Reisen zu überprüfen. Um vor allem Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler davor zu bewahren, Pseudokonferenzen mit wissenschaftlichen Veranstaltungen zu verwechseln, können zwei Ansätze hilfreich sein.

1. Kritisches Hinterfragen

Die internationale Initiative Think.Check.Attend, die von einigen großen internationalen Akteuren des Wissenschaftssystems ins Leben gerufen wurde, liefert einen Katalog mit grundlegenden Fragen, die sich jede und jeder vor der Einreichung eines Konferenzbeitrags stellen sollte:

  • Wer organisiert die Konferenz?
  • Passt sie wirklich zu meinen Forschungsinteressen?
  • Wie und wo werden die Konferenzbeiträge publiziert?
  • Sind alle Informationen – insbesondere zu entstehenden Kosten – transparent?

Ein solcher allgemeiner Fragenkatalog kann eine erste Hilfe bieten. Zu verstehen, welchen Sinn eine Konferenz hat und was die einschlägigen wissenschaftlichen Veranstaltungen sind, die Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler wählen sollten, gehört aber letztlich zum Sozialisationsprozess jedes Forschenden und entbindet insbesondere Betreuende nicht davon, ihre Promovierenden in diesem Prozess aktiv zu unterstützen. Eine stärkere Sensibilisierung für die Fallstricke des Publizierens und von Konferenzeinreichungen könnte in der Graduiertenausbildung und -förderung stärker verankert werden.

2. Unterstützende Infrastruktur

Ein zweiter, komplementärer Ansatz ist die Nutzung unterstützender Infrastrukturangebote. Es existieren bereits zahlreiche disziplinäre und disziplinenübergreifende Plattformen zur Ankündigung und Dokumentation wissenschaftlicher Veranstaltungen. Etablierte und akzeptierte Plattformen einzelner wissenschaftlicher Fachcommunities setzen für die inhaltliche Qualitätssicherung häufig auf die Arbeit redaktioneller Teams; demgegenüber stehen Plattformen, die wenig effiziente bis keine Maßnahmen zur Prüfung der hochgeladenen Inhalte vornehmen. Auch die Qualität der Metadaten zu wissenschaftlichen Veranstaltungen variiert stark von Plattform zu Plattform. Kommerzielle Anbieter bieten häufig umfassendere Services, dafür weniger Informationen zu Datensouveränität, Datenschutz und zum Teil mangelt es auch an Transparenz im Bereich des Urheberrechts. Oftmals liegen die Informationen zu einer wissenschaftlichen Veranstaltung – Call for Paper, Programm, Konferenzaufzeichnungen, Proceedings, etc. – über mehrere Plattformen verteilt und sind in unterschiedlicher Zuverlässigkeit für einen längeren Zeitraum verfügbar. Während Proceedings beispielsweise über Persistente Identifikatoren (PIDs) wie den Digital Object Identifier (DOI) inzwischen langfristig auffindbar sind, verschwinden Konferenzinformationen oftmals mehr oder minder vollständig, sobald die jeweilige Website abgeschaltet wird.

An der TIB startet im Herbst das Projekt ConfIDent. Ziel ist es, eine Konferenzplattform zu entwickeln, auf der die Metadaten wissenschaftlicher Veranstaltungen dauerhaft zugänglich gemacht und durch automatisierte Prozess sowie fachwissenschaftliche Kuratierung in möglichst hoher Qualität zur Verfügung gestellt werden. Langfristig soll ConfIDent ein breites Spektrum von wissenschaftlichen Veranstaltungen abdecken, hier aber auch fachspezifische Eigenheiten von Konferenzen und deren Stellenwert in den jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen mit berücksichtigen.

Die technische Grundlage soll die bereits bestehende wikibasierte Plattform OpenResearch bilden, deren Funktionalitäten auf die Projektanforderungen angepasst werden. Geplant ist eine Vergabe von PIDs für wissenschaftliche Veranstaltungen, um Konferenzen eindeutig identifizieren und dauerhaft auffinden zu können. Die Entwicklung spezieller PIDs für Veranstaltungen steckt noch in der Entwicklungsphase, birgt aber großes Potential für die Unterscheidung von seriösen und unseriösen Konferenzangeboten. PIDs unterstützen eine bessere Findbarkeit, Zugänglichkeit, Interoperabilität und Nachnutzbarkeit von digitalen Objekten und den dazugehörigen beschreibenden Informationen (Metadaten) im Sinne der FAIR-Prinzipien. Sie bieten daher die Möglichkeit, wissenschaftliche Veranstaltungen wie Konferenzen langfristig eine höhere Sichtbarkeit zu verleihen. ConfIDent will sich diesen Aspekt zunutze machen und einen Kulturwandel in der Bewertung von Forschungsleistungen unterstützen, indem Engagement im Bereich von Konferenzen – wie Vorträge, Reviewertätigkeiten oder die Organisation einer Veranstaltung – als eigenständiger Beitrag zur Forschung gewertet wird.

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Stephanie Hagemann-Wilholt

Stephanie Hagemann-Wilholt

... ist Mitarbeiterin im Referat PID- und Metadatenservices.
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