Vierter Leibniz-Lizenztag mit Rekordbeteiligung

Teilnehmende aus 40 Leibniz-Einrichtungen diskutierten am 8. Mai 2019 in der Geschäftsstelle der Leibniz-Gemeinschaft in Berlin über neue Anforderungen an Forschungsbibliotheken in Bezug auf aktuelle infrastrukturpolitische und lizenzbezogene Fragen

In einer bewusst provokanten Keynote stellten Claus Dalchow und Jana Rummler vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) das Ziel der Open-Access-Transformation aus verschiedenen Blickwinkeln infrage. Wird offener wissenschaftlicher Austausch und Fortschritt im Rahmen regionaler und/oder nationaler Open-Access-Modelle tatsächlich ermöglicht? Am Beispiel des zu Jahresbeginn geschlossenen DEAL-Vertrags mit Wiley wurde diese Frage anschließend von den 60 Teilnehmenden des vierten Leibniz-Lizenztages in Berlin sehr kontrovers diskutiert.

Diskussion über DEAL-Vertrag

Während einerseits der umfassende Zugriff auf Verlagsinhalte und die Open-Access-Publikationsmöglichkeiten durch deutsche Forschende gewürdigt wurden, wurden die damit verbundenen Kosten und die bedarfsunabhängige Ausgestaltung des Lizenzmodells auch kritisch gesehen. Die Teilnehmenden konnten ihre Fragen und Kritikpunkte direkt an die Verhandlungspartner adressieren: Ralf Rose (Wiley) warb dafür, diesen ersten DEAL-Vertrag als positive Experimentierphase zu sehen und die Umsetzbarkeit der in der langen Verhandlungszeit artikulierten Open-Access-Ziele während der Vertragslaufzeit zu prüfen. Kai Geschuhn von der Max Planck Digital Library (MPDL) wies auf die fehlende Nachhaltigkeit eines aus ihrer Sicht einseitig den kommerziellen Verlagsinteressen dienenden Subskriptionssystems hin und betonte noch einmal die Notwendigkeit einer aus ihrer Sicht alternativlosen vollständigen Transformation hin zu Open-Access.

Herausforderungen bei der Open-Access-Transformation

Als größtes Hindernis aus Sicht der anwesenden Forschungsbibliothekarinnen und Forschungsbibliothekare erweise sich jedoch die noch nicht vollzogene Umschichtung im Erwerbungsetat. In dem Maße, wie die Lizenzkosten sich stärker am Publikationsaufkommen orientierten, seien auch entsprechende Verschiebungen im Bibliothekshaushalt notwendig. Dass hier noch viel zu tun ist, belegen die Stimmungsbilder zum Erwerbungsetat. Die Mehrzahl der Anwesenden gab an, dass bisher noch keine oder nur unwesentliche Budgetverschiebungen realisiert wurden.

In meinem Vortrag habe ich anhand von vier Praxisbeispielen gezeigt, dass die Integration von Open-Access-Komponenten zu teilweise erheblichen Kostenverschiebungen führt. Die Heterogenität der Teilnehmenden und die damit verbundene vielschichtige Interessenlage erschwert die Verhandlung von Open-Access-Lizenzen auf Konsortialebene erheblich. Dass dieses Problem bei zentraler Finanzierung abgefangen werden kann, stellten Jens Lazarus und Ralf Flohr für zwei Open-Access-Modelle der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft dar. Die in  der Verhandlungspraxis sehr häufige Freistellung von Artikeln in hybriden Zeitschriften entspricht jedoch nicht den von vielen Forschungsförderern verfolgten Open-Access-Zielen. Am Beispiel von Plan S, der auf den kompletten und sofortigen Umstieg auf Open Access bei allen Publikationen aus öffentlich geförderter Forschung abzielt und damit die bereits vielfach existierenden Auflagen seitens vieler Forschungsförderer noch einmal verschärft, erläuterte Marco Tullney von der TIB, warum der goldene Weg präferiert werde.

Unabhängig davon, wie zukünftige Lizenzmodelle tatsächlich aussehen, ist der Umgang mit Nutzungsstatistiken und die Auswahl geeigneter CC-Lizenzen von zentraler Bedeutung. Auf diese Themen bezogen sich die Vorträge von Bettina Sunckel vom Hessischen BibliotheksInformationsSystem (HeBIS) und Sindy Wegner (ZBW).

Neue Wege für die Bereitstellung wissenschaftlicher Informationen

Insgesamt wurde deutlich, dass  vor dem Hintergrund eines mit stetigen Preissteigerungen verbundenen Subskriptionssystems neue Wege der Bereitstellung wissenschaftlicher Informationen gefunden werden müssen. Die Wege hin zu einer offenen nachhaltigen Wissenschaftskommunikation erweisen sich jedoch als vielfältig. Insbesondere die sich durch den unterschiedlichen Finanzierungsansatz (nicht mehr fürs Lesen, sondern fürs Publizieren bezahlen) ergebenden Kostenverschiebungen sind nicht auf Einrichtungsebene, sondern nur übergeordnet lösbar. Hier wäre eine – in Anbetracht des föderal organisierten deutschen Bildungssystems mit großen Herausforderungen verbundene – neue Art der Mittelzuweisung an akademische Einrichtungen notwendig, die sich nicht mehr an Köpfen, sondern am Output orientiert ist. Dies gilt natürlich auch für die dezentral organisierte Leibniz-Gemeinschaft, die nach neuen Verteilungsmodellen suchen müsste.

Der Leibniz-Lizenztag ist eine Veranstaltung der Zentralen Fachbibliotheken und des Arbeitskreises Bibliotheken der Leibniz-Gemeinschaft.

Foto: Beate Brüggemann-Hasler (ZBMED)

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