Inconecss 2019 – eine Zusammenfassung

Anfang Mai hat die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft zur Inconecss (International Conference on Economics and Business Information) eingeladen. Wie schon 2016 war Berlin als Veranstaltungsort gewählt worden. Über 100 Teilnehmende aus Wirtschafts- und Informationswissenschaften aus 33 Nationen folgten der Einladung und tauschten sich an zwei Tagen zum Themengebiet Digitale Transformation aus.

Über 100 Gäste aus 33 Nationen kamen nach Berlin zur Inconecss. // Foto: Ralf Rebmann

Tag 1: 6. Mai 2019

Am ersten Tag standen die Themen Predatory journals, New Services  sowie Open Access im Vordergrund. Nach der Begrüßung durch Thorsten Meyer, stellvertretender Direktor der ZBW, eröffnete Mikael Laasko (Hanken School of Economics, Helsinki) mit der Keynote „Customer Voices: What do researchers need? What kind of support do they need/expect?

Dreh- und Angelpunkt des Beitrags war die Rolle der Bibliotheken sowie der Bibliothekarinnen und  Bibliothekare als Schnittstelle bzw. Vermittler zwischen den Universitäten und Forschenden. Besonders der Umstand, dass externe Dienste teilweise einen einfacheren Zugang und mehr Flexibilität bieten, führe dazu, dass die Angebote der Bibliotheken nicht als bessere Alternative wahrgenommen würden.  Laasko machte dies unter anderem am Beispiel Google Scholar deutlich und bezog sich dabei auf eine erst im April 2019 veröffentlichte Ithaka-Studie (Ithaka S+R US Faculty Survey 2018). Während 2015 noch die Suche in wissenschaftlichen Datenbanken der meistgenannte Sucheinstieg war, wurde 2018 Google Scholar als häufigster Sucheinstieg genannt. Gleichzeitig bemängelten die Lehrenden der Hochschulen die mangelnden Recherche- und Zitierkenntnisse ihrer Studienfängerinnen und -anfänger. Laasko stellte die wichtige Funktion der Bibliotheken als Wissensvermittler für die Themen Recherche, Forschungsdatenmanagement und Open Access in den Vordergrund. Er plädierte eindringlich zur besseren Zusammenarbeit von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren sowie Forschenden.

Keynote-Sprecher Mikael Laasko von der Hanken School of Economics, Helsinki // Foto: Ralf Rebmann

Die Session Predatory Journals/Fake Journals/Fake Science wurde durch zwei Vorträge gestaltet. John Willinskys (Stanford Graduate School of Education, USA) forderte in seinem Vortrag „What Is To Be Done about Predatory Journals?“ die Abkehr von APC-Modellen (Article Processing Charge) sowie Rankings und sieht die Bibliotheken verstärkt in der Funktion des Kurators.

Karin Lackner und Clara Ginther (Universität Graz) folgten mit dem Vortrag „Defying Predatory Publishing – Responsibility of Universities and Libraries?“ und stellten sehr anschaulich die verschiedene Bereiche des Predatory Publishing vor: Fake Journals, Hijacked Journals, predatory conferences und unseriöse Disserationsverlage. Der Vortrag schloss mit einer Checkliste zum Erkennen von Fake Journals sowie der Vorstellung einer Awareness-Kampagne der Universität Graz. Der Vortrag wurde in deutscher Sprache bereits auf dem 107. Bibliothekartag in Berlin gehalten.

Während der Mittagspause bestand die Möglichkeit, die Wanderausstellung Open Up! im nahegelegenen Grimm-Zentrum zu besuchen. Dem übergeordnete Thema Open Science nähert sich die Ausstellung in Form von drei Themeninseln: Digitale Vernetzung, Neue Publikationsformen, Literatur finden.

Der Nachmittag begann mit dem Thema „New Services and their Impact“, das vier kurze Vorträge beleuchten:

Michael Hemment (Harvard Business School) berichtete sehr anschaulich über das Experiment sprachgesteuerter Suche in der Bibliothek: „Alexa Attends Harvard Business School: A“ New Voice-Enabled Business Information Service from Baker Library“. Laut Hemments Vortrag werden 2020 50 Prozent aller Anfragen sprachgesteuert sein, 30 Prozent werden ohne Bildschirm erfolgen. Als neuen Service für Standardfragen hat die Harvard Business School daher Alexa getestet. Diese wurde dazu so programmiert, dass sie die häufigsten an der Auskunft gestellten Fragen beantworten können sollte. Darüber hinaus konnte Alexa aber weiterhin mit ihren normalen Funktionen genutzt werden. Als Unterscheidung war lediglich die Formulierung „Alexa ask PLD…“ nötig.

Probleme eines solchen sprachgesteuerten Service lagen dabei zum einen in der geringen Akzeptanz – die Nutzer fühlten sich teilweise ausspioniert – zum anderen war die Nutzung durch Nicht-Muttersprachlerinnen und -sprachler schwierig. Hemments untermalte dies sehr unterhaltsam mit dem Video Scottish Elevator –Voice Recognition – ELEVEN! Auch die Nutzung von Alexa als kommerziellem Produkt wurde kritisiert.

Wendy Pothier (University of New Hampshire, USA) berichtete anschließend wie die Peter T. Paul School of Business & Economics spielerisch Informationskompetenz vermittelt: „Digital Badging, Information Literacy, and Business School Curriculum: preparing students for the workplace through micro-credentials“. Pothier stellte die Badges „Library Research“ sowie „Market Research” vor, die jeweils mehrere Module umfassen und innerhalb einer Stunde erfolgreich absolviert werden können. Derzeit haben etwa ein Drittel der Studierenden das Spiel „Library Research“ abgeschlossen. Neben dieser spielerischen Herangehensweise betonte Pothier ebenso wie Laasko die Wichtigkeit des direkten persönlichen Kontaktes zwischen Forschendem und Bibliothekar.

Timothy Tully ( San Diego State University, USA) stellte mit dem Vortrag „Measuring the Impact of Library Services for Campus Incubators: A Case Study“ das ZIP Launchpad, ein Start-Up-Programm der San Diego State University vor. Bei der Ausarbeitung der neuen Geschäftsideen ist die Bibliothek in Form von Workshops und Einzelberatungen intensiv involviert.

Bernard Bizimana (HEC Montréal, Kanada) schloss diese Session mit dem Vortrag „Operationalizing a New Business Model at the HEC Montréal Library“ ab und stellte die provokante Frage, ob Bibliotheken überhaupt noch gebraucht würden. Dies war die Ausgangsüberlegung, um neue Services für die HEC zu entwickeln, die von ihren bisherigen Angeboten nur die von den Nutzerinnen und Nutzern entsprechend genutzten aufrechterhalten hat. So werden bspw. Workshops zu den Themen Endnote oder Plagiarismus aufgrund mangelnder Nachfrage nicht mehr angeboten. Stattdessen gibt es jetzt Kurse in R, SAS, Excel oder wissenschaftlichem Schreiben. Bizimana vertrat die Meinung, dass Bibliotheken zu perfektionistisch seien und stattdessen vermehrte Experimentierfreudigkeit gefordert sei.

Den Abschluss des ersten Tages bildete die Session „Open Access Landscape and Access to FED Services“ in der zunächst Anna Mette Morthorst (Royal Danish Library, Dänemark) über „Monitoring Open Access and FAIR data“ referierte. Christian Zimmerman (Federal Reserve Bank of St. Louis, USA) schloss den Vortragsteil mit „A Rapid Overview of St. Louis Fed Economic Information Services: FRED, FRASER, EconLowdown, RePEc, etc.

Den Abschluss des ersten Konferenztages bildete das gemeinsame Abendessen im Restaurant des Berliner Fernsehturms.

Tag 2: 7. Mai 2019

Der zweite Tag begann mit einer Podiumsdiskussion zur Qualifikation und Weiterbildung des Bibliothekspersonals. Chris Erdmann (Library Carpentry), Ragna Seidler-de Alwis (Technische Hochschule Köln), Suzanne Wones (Harvard University, USA) und Frank Seeliger, (Technische Universität Wildau) diskutierten dieses Themengebiet unter der Moderation von David Patrician.

Podiumsdiskussion zur Qualifikation und Weiterbildung des Bibliothekspersonals // Foto: Ralf Rebmann

Für die nachfolgende Poster-Session stellten die einzelnen Verantwortlichen kurz den jeweiligen Hintergrund vor, sodass die Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmer anschließend je nach Interessenlage an den einzelnen Postern mit den Präsentierenden ins Gespräch kommen konnten. Folgende Poster wurden präsentiert:

DigiFit: how to start a digital transformation“ (Gosia Cabaj and Thomas Meyer, Goethe-Institut, Athen)

Building an interactive OER Tutorial. The Micro Level“ (Nicole Krueger, ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, Kiel)

„,Not just documentation providers …‘: changing the perception of the library by designing new services for researchers“ (Christine Okret-Manville, Paris-Dauphine University Library, France)

Business information in an era of big data and digitisation“ (Ragna Seidler-de Alwis, TH Köln)

Library and Technology: IE Library as a tool in the digital transformation of education’s Reinvention and Research“ (Noelia Romero and Maria Belen Real, IE Library, Madrid)

Developing extended liaison competence in finance: skills in a new terrain“ (Sigrid Noer Gimse, Norwegian Business School of Oslo)

Connected services, modularity and choice in researcher workflows“ (Tamir Borensztajn, EBSCO, USA)

„How users’ experience changed in the case of United Nations Sales Publications“ (Deborah Grbac, Università Cattolica del Sacro Cuore di Milano)

Poster-Session // Foto: Ralf Rebmann

In der nach der Mittagspause folgenden Session „Research Data and Journal Data Policies“ wurden zwei Studien über das Vorhandensein bzw. die Qualität von Datenrichtlinien in wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften vorgestellt. Melody Chin (Singapore Management University) hatte hierzu 74 der 100 im Tilburg University Top 100 Worldwide Economics Schools Research Ranking genannten Journals analysiert und im Vortrag „The quest for replicability: A review of research data policies in economics journals“ vorgestellt.

Olaf Siegert stellte anschließend den Vortrag „Data Policies of Economics Journals – Shifting Boundaries?“ von Sven Vlaeminck (ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, Hamburg) vor. Beide Untersuchungen kamen zum dem Schluss, dass etwa 75 Prozent der untersuchten Journals über eine Datenrichtlinie verfügen. Siegert konnte außerdem aufgrund der Gegenüberstellung von Daten der Jahre 2014 und 2018 zeigen, dass der Anteil an Richtlinien gestiegen, jedoch die Qualität der Datenrichtlinien gesunken sei.

Die Themen Research Data, Data Mining und Visualisierung wurden in der gleichnamigen und die Konferenz schließenden Session mit folgenden Vorträgen beleuchtet:

A two-stage model to reveal a university’s research data landscape and faculty’s research data practices at an institutional level“ (Thomas Seyffertitz and Michael Katzmayr, WU University, Wien)

Erasmus Data Service Centre (EDSC): Your FAIR Research Data Solution“ (Paul Plaatsman, Erasmus University Rotterdam)

From project to local competences – experiences with the Danish ROIAV project“ (Lars Lund Thomsen, Aarhus University)

Mein persönliches Fazit:

Veranstaltungen wie die Inconecss tragen zu der in vielen Vorträgen geforderten besseren Vernetzung/Zusammenarbeit von Forschenden und Bibliotheken bei. Der persönliche Austausch auf internationaler Ebene ermöglicht hierbei die Diskussion neuer Ideen, wenn auch vielleicht nicht alle für die eigene Einrichtung geeignet sein werden. Außerdem habe ich persönlich für meine Aufgabe als Ausbildungsleitung der TIB aus dem Themengebiet Personalgewinnung bzw. -entwicklung viele neue Anregungen gewinnen können. Vielen Dank an dieser Stelle an die ZBW für diese in jeder Hinsicht hervorragend organisierte Konferenz.

Teilen und Versenden

The following two tabs change content below.
Petra Mensing

Petra Mensing

ist Fachreferentin für Biologie, Gartenbau, Umwelttechnologien und Wirtschafts- wissenschaften an der Technischen Informationsbibliothek (TIB) und zuständig für die Ausbildungskoordinierung (höherer Dienst).