Erfolgreiches Journal Flipping: TIB unterstützt neue Zeitschrift Quantitative Science Studies

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Das neue Jahr beginnt mit einer guten Nachricht: Die Fachgesellschaft International Society for Scientometrics and Informetrics (ISSI) gibt mit Partnern die Neugründung einer szientometrischen Open-Access-Zeitschrift bekannt. Die Zeitschrift wird von den bisherigen Board-Mitgliedern des renommierten Journal of Informetrics verantwortet werden, die kollektiv bei dieser Elevier-Zeitschrift zurückgetreten sind und im Rahmen eines Journal Flipping die Arbeit lieber in einem Open-Access-Kontext fortsetzen wollten. Die TIB unterstützt diesen Prozess durch eine signifikante Beteiligung an den Transformationskosten.

Rücktritt und Neugründung

Unter dem Namen Quantitative Science Studies (QSS) entspricht die Zeitschrift fortan den Fair Open Access Principles: transparente akademische Kontrolle, kein Copyright-Transfer, Verwendung einer Open-Access-Lizenz für alle Artikel, keine APC-Zahlungspflicht für Autor/innen, transparente und niedrige Kosten. Die Zeitschrift wird der Fachgesellschaft gehören und bei MIT Press erscheinen.

In einer gemeinsamen Pressemitteilung der neuen Partner nennen die gewechselten Herausgeber/innen drei wesentliche Kriterien, die sie für ihre Zeitschrift angestrebt haben:

  1. wissenschaftliche Zeitschriften sollten der wissenschaftlichen Community gehören und nicht kommerziellen Verlagen
  2. Zeitschriften sollten Open Access sein und fairen Prinzipien entsprechen
  3. Verlage sollten Zitationsdaten frei verfügbar machen

Elsevier wollte diese Konditionen nicht umsetzen, was zum kollektiven Rücktritt aller Board-Mitglieder führte.

Die Bedingungen sind nachvollziehbar: Die akademische Eigentümerschaft erhöht die Chance, dass nicht Gewinninteressen die Führung der Zeitschrift dominieren. Die fairen Open-Access-Prinzipien sollen helfen, schädliche Open-Access-Modelle einzudämmen. Insbesondere das teure APC-Modell (Article Processing Charges) führt dazu, dass das Publizieren in Open-Access-Zeitschriften nicht allen offen steht. Zusätzlich werden Einrichtungen und Autor/innen mit hohem Publikationsoutput bestraft. Die Frage offener Zitationsdaten ist in einem Forschungsfeld, das zentral auf der Auswertung der Relationen von Publikationen basiert, besonders sensibel. In Zukunft wird der Verlag diese Informationen frei zur Verfügung stellen (siehe auch Initiative for Open Citations (I4OC)), sodass sie Teil des riesigen Korpus freier Zitationsdaten werden.

Wie bei vergleichbaren Vorhaben auch, ist die Frage der Namensrechte schwierig; wenn die Zeitschrift im Besitz eines kommerziellen Verlages ist, ist es häufig nicht möglich, den etablierten Namen mitzunehmen. In diesem Fall führt dies dazu, dass die neugegründete Zeitschrift einen neuen Namen erhalten hat: Quantitative Science Studies. Was bleibt, ist die fachliche Verortung und die Kompetenz der Herausgeber/innen. Was sich ändern wird, ist sehr erfreulich: Die Zeitschrift wird im Besitz einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft sein (und nicht mehr im Besitz von Elsevier), sie wird komplett Open Access sein (bisher gab es nur eine teure Hybrid-Option bei Journal of Informetrics), die Autor/innen werden ihre Rechte behalten können und nicht übertragen müssen, und die Metadaten inklusive Zitationsdaten werden frei zur Verfügung stehen. Die Kosten werden vergleichsweise niedrig sein.

Eine solche Umstellung einer Zeitschrift auf ein reines Open-Access-Modell wird als Journal Flipping bezeichnet. Der Umstieg folgt Beispielen der linguistischen Zeitschrift Glossa (Herausgeber/innen-Rücktritt bei Elsevier) und der mathematischen Zeitschrift Algebraic Combinatorics (Herausgeber/innen-Rücktritt bei Springer). Häufig sind diese Vorhaben verbunden mit einer Hinwendung zu fairen Prinzipien oder zumindest mit einer Überführung in eine verlagsunabhängige Eigentümerschaft. Eine Übersicht über Fair-Open-Access-Zeitschriften liefert das Free Journal Network. SPARC stellt für wechselinteressierte Herausgeber/innen das Dokument Declaring Independence bereit.

Finanzierung und die Strategie der TIB

Da die Publikation in QSS nicht von APC-Zahlungen abhängig gemacht werden soll, muss eine komplette oder teilweise Finanzierung aus anderen Quellen erfolgen. Die TIB schlägt für diesen Weg eine konsortiale Finanzierung durch Bibliotheken und möglicherweise andere Einrichtungen vor. Der Aufbau solcher Konsortien dauert eine gewisse Zeit und macht die Finanzierung einer Transformationsperiode erforderlich. Die TIB hat sich bereiterklärt, für die ersten drei Jahre die artikelbezogenen Kosten zu übernehmen. Dabei wird sie unterstützt vom Kommunikations-, Informations-, Medienzentrum (KIM) der Universität Konstanz. Die Zeitschrift mit ihrem Schwerpunkt in quantitativer Wissenschaftsforschung ist ein passender Pilotfall: eine einflussreiche, fachlich interessante Zeitschrift mit starken Bezügen zu Statistik, Mathematik, Informatik.

Für die TIB ist dies ein strategisches Investment: Wir möchten unseren Auftrag erfüllen, optimalen Zugang zur Literatur in unseren Fächern zu gewährleisten. Die neue Zeitschrift QSS wird einen freien Zugang zu ihren Inhalten und Metadaten gewährleisten und sie wird rechtlich und finanziell nachhaltigere Bedingungen haben als das Journal of Informetrics. Über die Vorteile der Umstellung dieser konkreten Zeitschrift hinaus erhoffen wir uns eine Signal-Wirkung: Die Umstellung eingeführter Zeitschriften auf gute Open-Access-Modelle ist möglich, selbst wenn der bisherige Verlag einer Zeitschrift sich dem entgegenstellt. Die Unterstützung für die Fair Open Access Principles wächst weiter, was ein sehr gutes Zeichen ist. Wir freuen uns, dass die bisherigen Herausgeber/innen des Journal of Informetrics diesen Weg gewählt haben.

Die Umstellung existierender Zeitschriften auf Open Access ist ein wesentlicher Aspekt der Open-Access-Transformation. Zumindest im Moment sind eingeführte Zeitschriften, etablierte Herausgebergremien etc. von Relevanz für einen großen Teil der Wissenschaftler/innen. (Zur Bewertung von Wissenschaftler/innen und Artikeln sollten die Zeitschriften, in denen sie publiziert sind, allerdings nicht genutzt werden.) Für die TIB ist das ein wichtiger Baustein in unseren Open-Access-Bemühungen, neben beispielweise dem Aufbau dedizierter Open-Access-Plattformen. Bereits seit einiger Zeit unterstützt die TIB das MathOA-Projekt unter dem Dach der Fair Open Access Alliance, die auch den Umstieg zu QSS begleitet und auf die Einhaltung fairer Prinzipien achtet.

Im Bereich des Journal Flipping wird die TIB weiterhin aktiv sein: Wir verfolgen die Entwicklungen und sprechen mit Kontakten, die an einer Umstellung von Zeitschriften interessiert sind. Wir streben weitere Vorhaben an und möchten die Zusammenarbeit z.B. mit dem KIM der Universität Konstanz fortsetzen. Oberste Priorität hat für uns, dass die resultierenden Open-Access-Konditionen passend sind. Ob solche Modelle mit Hilfe kommerzieller Verlage, bei Universitätsverlagen, neuen Verlagsdienstleistern oder gänzlich in Eigenregie, z.B. auf durch Bibliotheken betriebenen Journal-Servern, umgesetzt werden, ist zweitrangig und von Fall zu Fall zu entscheiden.

In diesem Sinne ist die Umstellung von Zeitschriften auch nicht eine generelle Absage an Verlage, sondern Ausdruck einer selbstbewussten und verantwortlichen Haltung von wissenschaftlichen Herausgeber/innen und ihrer Partnerschaft mit Open-Access-unterstützenden Bibliotheken. Aber ein Wechsel wie der hier beschriebene ist auch ein Zeichen im Rahmen der DEAL- und vergleichbarer Verhandlungen: Wenn sich Verlage nicht in Richtung akzeptabler Open-Access-Modelle bewegen, dann muss nach anderen Lösungen gesucht werden. Wir helfen dabei, Lösungen zu finden und – wie im Fall der neuen Zeitschrift QSS – gemeinsam mit Wissenschaftler/innen umzusetzen.

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Marco Tullney

... leitet den Bereich Publikationsdienste der TIB und koordiniert deren Open-Access-Aktivitäten.

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