Zum Befinden der Encyclopaedia Cinematographica: der dwerft Befundungsscanner im Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg

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Jedes fotografische Verfahren verleiht dem Objekt seine spezifische Form und Materialität in der es überhaupt erst vorhanden ist und hinterlässt zugleich seine Spuren in diesem. Bei der Digitalisierung von historischen Filmmaterialien werden diese spezifischen Merkmale der Bild- und sofern vorhanden der Toninformation aufgezeichnet, zugleich werden aber auch Merkmale der Alterung und Spuren des Gebrauchs abgebildet, die sich zum Beispiel durch mechanische Schäden wie Verkratzungen, durch Verschmutzungen und nicht zuletzt durch Farb- und Dichteveränderungen des Filmmaterials bemerkbar machen.

Die Sichtung von Filmen für die Digitalisierung ist ein zeitaufwendiger Prozess. Neben der Beurteilung der Bild- und Tonqualität muss das Material auf seine mechanische Belastbarkeit geprüft werden und ggf. müssen Maßnahmen folgen. Zu differenzieren ist dabei zwischen der mechanischen Aufbereitung des Films in Form von Instandsetzung defekter Klebestellen und beschädigter Perforation etc. um die Digitalisierung des Materials überhaupt erst zu ermöglichen und der restauratorischen Nachbearbeitung des Films.

Restaurierung von Filmen

Filmmaterialien verändern im Laufe der Zeit ihre visuellen und klanglichen Eigenschaften. Bei der Restaurierung von Filmen wird anhand des vorhandenen Quellenmaterials (Archiv- oder Verleihkopien und/oder Produktionsmaterialien wie z.B. dem Original-Kameranegativ und die feinkörnigen Duplikate Negative/Positive) und -sofern vorhanden- unter Verwendung historischer Referenzen das Material bearbeitet. Da das ursprüngliche Aussehen aber nicht immer Überliefert ist, kann die Restaurierung von Filmen immer nur eine Annäherung an das (angenommene) ursprüngliche Aussehen und den Klang eines Films und einige seiner „verlorenen“ Eigenschaften bedeuten. Der Internationale Zusammenschluss von Filmarchiven (FIAF International Federation of Film Archives) verfügt seit einigen Jahren über einen „Code of Ethics“, der allen Mitgliedern klare Richtlinien im Umgang mit seltenem Filmmaterial vorgibt. In der Präambel des FIAF Code of Ethics heisst es:

Filmarchive und Filmarchivare sind die Hüter des Welterbes der bewegten Bilder. Es liegt in ihrer Verantwortung, dieses Erbe zu schützen und es in bestmöglichem Zustand und als wahrheitsgetreue Darstellung des Werkes seiner Schöpfer an die Nachwelt weiterzugeben.

Der „Code of Ethics“ ist für Filmarchive ein verbindlicher Standard aber auch eine Argumentationshilfe, wenn es um die Wahrung der Integrität des Materials also den Schutz vor jeder Form der Manipulation oder Zensur des Materials geht.

Auch im Projekt Delft Digitalisierung des Ethnologischen Filmbestands werden die Archivkopien auf ihren Erhaltungszustand und ihre Bildqualität hin untersucht um die Digitalisierbarkeit des Materials festzustellen (die TIB ist neben den Archivkopien auch im Besitz der Verleihkopien, sollte sich eine der Archivkopien als Schadhaft herausstellen, kann auf die für jeden Film in zweifacher Ausführung vorhandene Verleihkopien zurückgegriffen werden). Für die Befundung kommen im Projekt derzeit drei Geräte zum Einsatz: ein Filmprüfer zur Befundung mechanischer Schäden, ein Filmprojektor mit angeschlossenem Monitor zur Überprüfung der Bildqualität und zur Sichtung der Tonbänder steht ein weiteres separates Gerät zur Verfügung. Parallel zur Sichtung der Filme werden die technischen Metadaten und Daten Erhaltungszustand der Filme gesammelt.

Liegt es da nicht nahe, diesen zeitaufwendigen Prozess zu verkürzen, indem alle Bearbeitungsschritte in einem Gerät integriert werden, welches dazu noch in der Lage ist sämtliche Metadaten so zu erfassen, das sie problemlos weiterverarbeitet werden können? Tatsächlich existiert so ein Gerät, welches im Rahmen eines Forschungsbündnisses zwischen dem Deutschen Rundfunkarchiv, der WDR mediagroup digital und dem Hasso- Plattner-Institut entwickelt, und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurde (2014-2017). Zurzeit befindet sich dieser sogenannte Befundungsscanner im Deutschen Rundfunkarchiv in Potsdam-Babelsberg, welches dann auch das Ziel unserer Expedition in Sachen Befundung der Ethnologischen Filmesammlung war.

Verfahrensentwicklung zur halbautomatischen Befundung und Digitalisierung von historischem Filmmaterial

Der im Verbundprojekt dwerft entwickelte Befundungsscanner integriert die o.g. Arbeitsschritte in einem Gerät. Das System verfügt über ein spezielles Abtastungstechnologie mit entsprechender Sensorik für eine materialschonende, teilautomatisierte Befundung von Archivmaterial. Die während des Scanprozesses gewonnenen Daten zum Zustand der Filmmaterialien werden mittels einer speziellen Software nicht nur erfasst und analysiert sondern auch interpretiert und anschließend können Empfehlungen für eine anschließende Digitalisierung abgeleitet werden. Darüber hinaus werden Digitalisate des Bild- und Toninhalts erzeugt, die eine file-basierte Sichtung und damit die inhaltlich-qualitative Bewertung des befundeten Filmmaterials erlauben. (Mehr dazu im Vortrag der dwerft-Abschlusskonferenz 2017: Archivmaterial befunden und sichtbar machen. Sprecher: Jörg Wehling, DRA und Markus Kreisel, WDR mediagroup digital)

Abb. 1 Befundungsscanner im Deutschen Rundfunkarchiv in Potsdam Babelsberg. Foto: Miriam Reiche.

Der Scanner ist dahingehend konzipiert, das die Filme kontinuierlich und zahnrollenfrei transportiert werden können. Das Laufwerk des Befundungsscanners ermöglicht durch wenige Umlenkrollen mit großen Durchmessern und großen Umschlingwinkeln eine weitgehend gradlinige Filmführung. Damit kann historisches Filmmaterial ungeachtet des Erhaltungszustands ohne umfangreiche manuelle Vorbereitung wie zum Beispiel Erneuerung und Sanierung von Klebestellen gescannt werden. Auch stark geschrumpfte Filme sowie sprödes Filmmaterial lassen sich problemlos scannen.

Bildstörungen: Staub, Kratzer, Risse, Fehlstellen, Klebestellen, Perforationsschäden

Für eine umfassende Zustandsbewertung wurde ein integriertes Oberflächenanalysesystem entwickelt. Dieses ermöglicht die automatische Erkennung, Analyse und statistische Auswertung verschiedener Defektkategorien wie Klebestellen, Verkratzungen und Verschmutzungen sowie Perforationsschäden.

Abb. 2 Schadenskartierung eines Frames (Einzelbild) des IWF-Film Signatur C 183: Die willkürliche bewegbare künstliche Hand (1937) von Prof. Dr. Sauerbruch. Screenshot: Deutsches Rundfunkarchiv.

Die Befunddarstellung erfolgt mit Farben, in der Legende unten rechts:

  • Defekte Klebestellen: gelb
  • Materialauftrag wie Verschmutzungen, Staub, Fusseln, Fettstifte: rot
  • Materialabtrag wie Schrammen und Kratzer: grün
  • Materialausbrüche wie Perforationslöcher, Risse, Punch Holes: blau

Die Beispielkopie A ist in einem sehr guten Zustand, lediglich im Randbereich wurden Verschmutzungen und Verkratzungen festgestellt, die bedingt durch die mechanische Belastung des Filmtransports entstanden sind.

Zustandskartierungen dienen als Dokumentations- und Planungshilfen für Instandsetzungsmaßnahmen, sie sind ein wesentlicher Bestandteil einer zielgerichteten Planung von Erhaltungsmaßnahmen in der Restaurierung. Im Befundungsprozess des Filmmaterials wird eine Schadenskartierung eines jeden einzelnen Frames (Einzelbild) vorgenommen, siehe Abbildung 2. Die Kartierung ermöglicht damit die genaue Kalkulation des erforderlichen Umfangs der Instandsetzungsmaßnahmen und der Planung der Digitalisierung. Defekte Klebestellen werden zum Beispiel durch zwei Parameter detektiert: die Klebekanten als helle Striche im Bild und minimale Veränderungen der Perforation. Allerdings ist weiterhin ein Optimierungsbedarf des Befundungssystems angezeigt, beispielsweise kann ein Kratzer als Verschmutzung bewertet werden, da Kratzer Vertiefungen erzeugen, die mit einer Materialverdrängung einhergehen, das heißt jede Vertiefung erzeugt zugleich eine Erhöhung die vom Scanner als Verschmutzung wahrgenommen werden kann. Die Interpretation der Ergebnisse durch den Scanner muss demzufolge kritisch überprüft werden.

Metadaten-Protokoll mit Scan-Parametern: die ausführliche Darstellung des Befunds und den Scan- und Handlungsempfehlungen

Die Befundungssoftware detektiert und interpretiert die Schäden und gibt in einen detaillierten Bericht Empfehlungen für eine anschließende Digitalisierung bzw. eine Instandsetzung des Films ab  (Sanierung von Klebestellen, Risse, Perforationsschäden, Reinigung usw.). Dabei wird auch versucht, den Arbeitsaufwand der Instandsetzung des Original Filmmaterials zu schätzen (in Stunden/Minuten). Der Befundungsbericht enthält neben den technischen Metadaten, Daten zum Gesamtzustand des Films: den mechanisch- optische Befund, Audio Befund, Daten zur minimalen und maximalen Dichte sowie des Schrumpfungsgrades des Films.

Abb. 3: Ausschnitt des Befundungsberichts mit Scan- und Handlungsempfehlungen für die Beispielkopie B des IWF-Films Signatur C 183: Die willkürliche bewegbare künstliche Hand (1937) von Prof. Dr. Sauerbruch. Aufgrund der Eindeutigkeit und schnellen optischen Erfassbarkeit werden die Empfehlungen in einem Ampelsystem symbolhaft übertragen. Der rote Punkt zeigt an, das die Software Perforationsschäden detektiert hat und empfiehlt einen zahnradlosen Filmtransport während der Digitalisierung oder eine Instandsetzung der Filmperforation.

Die im Befundungsverlauf generierten Metadaten werden über eine im Rahmen des dwerft Projektes entwickelte Schnittstelle als XML-Stream zum Befundungssystem übertragen. Dabei können sowohl Metadaten des Archivs als auch der Befundung im LPDC-Format (Linked Production Data Cloud) erzeugt werden. Dies ermöglicht eine Reihe von Anwendungsszenarien. Archivdaten als Linked Data erhöhen die Auffindbarkeit, die Interoperabilität und Nachnutzbarkeit von Archivdaten und damit des AV-Contents.

Digitalisierung der Filminhalte und langfristiger Erhaltung der Original- Filme

Darüber hinaus steht aus der für die Befundung durchgeführten Filmabtastung ein Digitalisat des Bild- und falls vorhanden Tonmaterials zur Verfügung. Dieses genügt eventuell nicht erhöhten Qualitätsansprüchen aufgrund der im Bildbereich weiterhin sichtbaren Verschmutzungen, des geringen Kontrastumfangs und unzureichender Farbkorrektur. In jedem Fall bietet es aber die Möglichkeit einer inhaltlichen Erschließung und Bewertung sowie der digitalen Sicherung des Ist-Zustandes in spezifizierter Qualität.Voraussetzung für dieses Nutzungsszenario ist eine optimale Aufbewahrung der analogen Filmmaterialien. Hier ist es zukünftig Aufgabe der TIB für den Erhalt der wertvollen IWF-Filmsammlung zu sorgen um damit die Voraussetzung für die langfristige Digitalisierbarkeit der Materialien zu schaffen.

Über das Projekt DELFT

Kulturelle Bräuche und handwerkliche Traditionen, die zum Teil schon verschwunden sind oder sich über die Jahre stark verändert haben: Das dokumentieren die 1.953 ethnologischen Filme, die die TIB im Projekt DELFT (Digitalisierung EthnoLogischer FilmbesTand) digitalisieren, erschließen und – soweit rechtlich möglich – im AV-Portal online bereitstellen wird.

Die Filme gehören zum Bestand der IWF Wissen und Medien (vormals Institut für den Wissenschaftlichen Film), der 2012 auf die TIB übergegangen ist. Die ethnologischen Filme zeigen kulturelles Brauchtum wie Musik und Tanz, Religion und Heilkunde und vieles mehr. Einige der Filme sind mehr als 100 Jahre alt, die jüngsten stammen aus den 1980er-Jahren. Die Mehrzahl der Filme ist Teil der „Encyclopaedia Cinematographica“.

Gefördert wird das Projekt DELFT über die Laufzeit von zwei Jahren vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) .

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Miriam Reiche

Restauratorin M.A. und Mitarbeiterin im Projekt Delft Digitalisierung des Ethnologischen Filmbestands.

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