Stammzellen aus dem Labor und Autismus durch Impfen: „Fake Science“ statt Wissenschaft

In einer Reihe im TIB-Blog geht es um sogenannte Fake News. Unter anderem weisen wir darauf hin, dass man nicht blind irgendwelchen Meldungen im Internet vertrauen, sondern im Zweifelsfall wissenschaftliche Quellen heranziehen soll. Das ist völlig richtig. Dennoch ist auch die Wissenschaft nicht gänzlich immun gegen Falschmeldungen. Nicht alles, was in der Fachliteratur steht, muss auch stimmen, bisweilen findet sich darin auch „Fake Science“.

Einerseits sind wissenschaftliche Theorien nicht in Stein gemeißelte Dogmen, sondern können durch neue Erkenntnisse widerlegt und obsolet werden, man denke etwa an das geozentrische Weltbild oder den Äther. Irrtümer gehören zum Wesen der Wissenschaft und unterscheiden sie von Religionen und Weltanschauungen. Problematisch wird es natürlich, wenn wider besseres Wissen an widerlegten Theorien festgehalten wird und diese weiter propagiert werden.

Andererseits kommt es aber auch zu bewussten Fälschungen. Behauptete Experimente haben gar nicht stattgefunden, Artefakte werden gefälscht, Messdaten werden selektiv verwendet, an die erwarteten Werte „angepasst“ oder gleich frei erfunden.

Die Entdeckung der Überreste eines Frühmenschen, später als Piltdown-Mensch bezeichnet, war 1912 eine Sensation. Die auf rund 500.000 Jahre geschätzten Knochen bestanden aus einer großen, dem modernen Menschen ähnelnden Schädelkapsel und einem primitiven, an den eines Menschenaffen erinnernden Unterkiefer. Diese Kombination führte zu weitreichenden Schlussfolgerungen zur Stammesgeschichte des Menschen. Nach schon länger bestehenden Zweifeln wurde der Fund 1953 als Fälschung entlarvt, die aus verschiedenen modernen Menschen- und Affenknochen zusammengesetzt worden war.

Jan Hendrik Schön war ein aufstrebender Experimentalphysiker, der an den Bell Labs forschte und bahnbrechende Ergebnisse zur Supraleitung publizierte. Allein im Jahr 2001 veröffentlichte er 17 Artikel in Science und Nature. Er sollte der jüngste Direktor eines Max-Planck-Instituts werden und wurde sogar für den Nobelpreis gehandelt. Schließlich flog auf, dass die Ergebnisse großteils gefälscht, zum Teil sogar frei erfunden waren. Weil die Experimente nicht klappten, hatte er z.B. die Daten von älteren Versuchen übernommen und an die erwarteten Werte angepasst.

Der zurückgezogene Artikel von Wakefield et al.: gekennzeichnet, aber immer noch online

Im Jahr 1998 erschien in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet eine Studie von Andrew Wakefield, derzufolge die Dreifachimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln zu Autismus führen könnte. In der Folge sanken die Impfraten in Großbritannien und darüber hinaus deutlich. Die Studie wurde widerlegt und es stellte sich heraus, dass Wakefield unter anderem Geld von Anwälten, die Eltern autistischer Kinder vertraten, erhalten hatte. 2004 distanzierten sich zehn der zwölf Koautoren von der Studie, aber erst 2010 wurde der Artikel von The Lancet zurückgezogen.

Studien zu Stammzellen sorgten mehrmals für Aufsehen. Hwang Woo-suk und sein Team hatten 2004 behauptet, als erste Forscher menschliche Stammzellen aus geklonten Embryonen gewonnen zu haben – zwei Jahre später entpuppte sich das als Fälschung. 2014 berichtete eine Forschergruppe um Haruko Obokata, dass sie durch einfache äußere Reize die Körperzellen von Mäusen in Stammzellen, sogenannte STAP-Zellen, umgewandelt hatten, die sich wieder in fast jeden Zelltyp entwickeln könnten. Andere Gruppen konnten die Ergebnisse nicht reproduzieren, die sich als manipuliert herausstellten. Die beiden Artikel wurden von Nature zurückgezogen.

Das sind nur einige Beispiele, das Thema „Betrug und Fälschung in der Wissenschaft“ füllt ganze Bücher und einen langen Wikipedia-Artikel.

Im Idealfall funktionieren die Kontrollmechanismen der Wissenschaft schon vor der Veröffentlichung durch die Begutachtung, manchmal erst hinterher (und manchmal auch gar nicht). Insbesondere bei spektakulären Fällen wie den genannten gibt es natürlich mehrere Forschergruppen, die am selben Thema forschen und versuchen, die Ergebnisse nachzuvollziehen. Wenn sich eine Studie klar als falsch herausstellt, wird sie von der Zeitschrift, manchmal auf Wunsch der Autorinnen und Autoren, manchmal gegen deren Willen, zurückgezogen. Das Problem der „Fake News“ ist mit dem Zurückziehen aber nicht aus der Welt: Einmal veröffentlicht, können auch zurückgezogene Artikel unbeabsichtigt oder ganz bewusst weiter verbreitet und rezipiert werden. Der angebliche Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus wird beispielsweise nach wie vor von Impfgegnerinnen und -gegnern verbreitet und auch gerne vom amerikanischen Präsidenten getwittert.

Der Blog Retraction Watch führt akribisch Buch über zurückgezogene Artikel. Es wurde sogar ein „retracton index“ vorgeschlagen, der den Anteil zurückgezogener Artikel an der Gesamtzahl der Veröffentlichungen beziffert. Erstaunlicherweise sind es gerade renommierte, mit hohem Impact factor versehene Zeitschriften wie Science, Nature, Cell oder New England Journal of Medicine, die dabei die vordersten Plätze belegen. (Ob diese Journale mit ihrer Anforderung nach besonders neuartigen und bahnbrechenden Ergebnissen tatsächlich anfälliger für Fälschungen sind oder ob bei ihnen einfach nur genauer hingeschaut wird, bleibt allerdings offen.) Gleich 107 Artikel hat die Zeitschrift Tumor Biology im April 2017 zurückgezogen, da offenbar Gutachten gefälscht worden waren.

Die Gründe für vorsätzliche wissenschaftliche Fälschungen sind ganz unterschiedlich, und das Wissenschaftssystem ist daran nicht ganz unschuldig. Es muss gar nicht unbedingt Profilierungssucht sein, die zu solchen Schritten führt, es reicht oft der insbesondere bei Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern allgegenwärtige Druck, Ergebnisse präsentieren zu müssen („publish or perish“). Wer nicht möglichst viele und möglichst bahnbrechende Publikationen vorweisen kann, hat schlechte Karten, wenn es um Bewerbungen um Stellen oder Fördergelder geht.

In anderen Fällen sind Fälschungen Ergebnisse von Lobbyismus. Ob Studien zur Schädlichkeit des (Passiv-)Rauchens, zur Wirksamkeit von Arzneimitteln oder zu gesundheitsschädigenden Chemikalien: in vielen Fällen haben Konzerne ihre Hände im Spiel und sorgen dafür, dass diese zu ihren Gunsten ausfallen. Auch das wird vom gegenwärtigen Wissenschaftssystem begünstigt, in dem viele Forschende auf Drittmittel und Kooperationen mit der Industrie angewiesen sind. So werden beispielsweise in der Medikamentenforschung rund 90 % der veröffentlichten Studien durch die Pharmaindustrie finanziert.

Natürlich betreffen Fälschungen nur einen kleinen Teil der wissenschaftlichen Literatur. Das sollte nicht zu einer generellen Wissenschaftsskepsis führen, sehr wohl aber zu einem Hinterfragen mancher Anreize im derzeitigen Wissenschaftsbetrieb und einem kritischen Blick auf mögliche Interessenkonflikte. Gerade wenn etwas besonders spektakulär daherkommt, ist, wie im Alltag auch, eine Portion Skepsis durchaus angebracht.

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Stefan Schmeja
... arbeitet im Bereich Publikationsdienste der TIB und ist insbesondere für Beratung und Schulungen zum Thema Open Access zuständig.