TIB unterstützt Fair Open Access und MathOA

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Open Access meint den freien, ungehinderten Zugang zu Forschungsergebnissen. Eine flächendeckende Umstellung auf Open Access („Open-Access-Transformation“) ist als politisches Ziel gesetzt, doch die verschiedenen Wege, Spielarten und Modelle von Open Access erfüllen die Anforderungen sehr unterschiedlich. In vielen Fällen ist der Zugang nicht universell, wird durch restriktive Lizenzen behindert, die Nachnutzung wird erschwert, und die Kosten sind sehr hoch – für Bibliotheken und für Autorinnen und Autoren beziehungsweise ihre Institutionen. Im Mittelpunkt der Open-Access-Diskussion stehen nach wie vor Zeitschriften. Open-Access-Zeitschriften in einer fairen, nachhaltigen Weise zu betreiben, wird ein wesentlicher Bestandteil der Open-Access-Transformation sein (wenn auch nicht der einzige).

„Faire“ Open-Access-Modelle zu entwickeln, ist nicht ganz einfach. Es sind viele Stakeholder beteiligt und einige davon verdienen sehr viel Geld mit mit wissenschaftlichen Publikationen: durch teure Abonnements, durch double dipping bei zusätzlichen Kosten für Open Access und durch teure APC-basierte Open-Access-Modelle. Wessen Interessen dominieren bei einem „fairen“ Modell? Die hier vorgestellten Fair Open Access Principles verfolgen einen konkreten Ansatz, der die Interessen von Autorinnenund Autoren sowie Leserinnen und Lesern in den Mittelpunkt stellt.

Glücklicherweise sind viele der Einschränkungen nicht notwendig: Ohne Probleme können freie Lizenzen, die Nachnutzung (auch maschinelle) und dauerhafte Sicherung erlauben, implementiert werden und akademisches Publizieren ist zu deutlich geringeren Kosten möglich, als die teuren kommerziellen APC-Modelle bisher suggerieren. Es kostet nicht mehrere tausend Euro, einen Zeitschriftenbeitrag zu veröffentlichen. Nichtsdestotrotz fallen Kosten an, die beglichen werden müssen. Hierfür müssen ebenso faire Lösungen gefunden werden wie für Rechte.

Fair Open Access Principles

Die auf der Homepage der Fair Open Access Alliance veröffentlichten Fair Open Access Principles lauten:

  1. The journal has a transparent ownership structure, and is controlled by and responsive to the scholarly community.
  2. Authors of articles in the journal retain copyright.
  3. All articles are published open access and an explicit open access licence is used.
  4. Submission and publication is not conditional in any way on the payment of a fee from the author or its employing institution, or on membership of an institution or society.
  5. Any fees paid on behalf of the journal to publishers are low, transparent, and in proportion to the work carried out.

Diese Punkte adressieren wesentliche Aspekte von Open-Access-Modellen für Zeitschriften. Zeitschriften sollten unter Kontrolle ihrer Communities stehen, insbesondere sollten auch die Namensrechte nicht einem Verlag gehören (dies ist der Grund dafür, dass Zeitschriften, die als Open-Access-Zeitschrift weitergeführt werden sollen, einen neuen Namen suchen müssen). Autorinnen und Autoren sollten das Copyright an ihren Artikeln behalten (im Einklang zum Beispiel mit den Positionen zur Schaffung eines wissenschaftsadäquaten Open-Access-Publikationsmarktes). Natürlich sollen alle Artikel im Open Access veröffentlicht werden und unter einer freien Lizenz stehen (hier hätte man sich eine genauere Definition gewünscht oder eine Empfehlung von CC BY).

Wesentlich sind die beiden letzten Kriterien: Die Veröffentlichung hängt nicht von einer Zahlung durch Autorinnen und Autoren oder ihre Institutionen ab, weder pro Artikel noch in Form einer Mitgliedschaft. Alle abschreckenden Aspekte von APCs werden vermieden und die falschen Anreize, durch mehr veröffentlichte Artikel die Einnahmen zu erhöhen, werden vermieden. Und schließlich: Die Zahlungen, die an Verlagsdienstleister gehen, sind niedrig, transparent und der Gegenleistung angemessen. Dies ist schwerer zu beurteilen als die anderen Aspekte, aber dank der Transparenz dann mindestens Gegenstand der Diskussion. Diese Transparenz sollte dringend in allen Verlagsverträgen enthalten sein: Für welche Leistung erhält der Verlag Geld? (Auch hierzu vergleiche das oben zitierte Positionspapier).

Gegenüberstellung subskriptionsbasiertes Modell - Fair Open Access Publishing Model. Quelle: Johan Rooryck & Saskia de Vries, “A transition to Fair Open Access: LingOA, MathOA, PsyOA”

Gegenüberstellung subskriptionsbasiertes Modell – Fair Open Access Publishing Model. Quelle: Johan Rooryck & Saskia de Vries, “A transition to Fair Open Access: LingOA, MathOA, PsyOA”, https://oa2020.org/wp-content/uploads/pdfs/B13_Johan_Rooryck_Saskia_de_Vries.pdf

Für weitere Hintergründe empfehle ich die FOAA-Homepage, einen Artikel von Alex Holcombe und Mark C. Wilson: Fair Open Access: returning control of scholarly journals to their communities sowie Martin Paul Eve/Saskia de Vries/Johan Rooryck: The Transition to Open Access: The State of the Market, Offsetting Deals, and a Demonstrated Model for Fair Open Access with the Open Library of Humanities.

Fair Open Access Alliance

Die Fair Open Access Alliance ist eine Stiftung niederländischen Rechts, die als Dach für eine Reihe ähnlicher Initiativen zur Umstellung von Zeitschriften auf Open Access entlang der skizzierten Prinzipien dient. Dazu gehören LingOA (Linguistik), MathOA (Mathematik), PsyOA (Psychologie). Das Beispiel von Glossa, einer Linguistik-Zeitschrift, deren Herausgeberinnen und Herausgeber sowie Redakteurinnen und Redakteure Elsevier verlassen haben und ihre Zeitschrift neu aufgestellt haben, hat einen vielbeachteten Auftakt für LingOA gegeben. Die Zeitschrift wird nun mit Unterstützung von Ubiquity Press herausgegeben.

Zu den Zielen von FOAA gehört unter anderem, die Open Library of Humanities auf andere Disziplinen auszuweiten und die Fair Open Access Principles in allen Wissenschaftsbereichen zu verbreiten. Auf finanzieller Seite wird die Idee einer kollektiven Finanzierung (durch Bibliothekskonsortien) propagiert, wie sie Open Library of Humanities bereits praktiziert.

Vermutlich wird es auch in Zukunft eine Vielzahl von Zeitschriften geben, die ohne Bibliothekszahlungen operieren und die quasi ohne Budget operieren, nur auf der Basis ehrenamtlicher Arbeit. Viele der Zeitschriften im DOAJ sind solche Zeitschriften. Doch Initiativen wie diejenigen unter dem Dach von FOAA können Wege aufzeigen, Geschäftsmodelle zu implementieren (falls notwendig), die nicht den Wechsel zu einem kommerziellen Verlag und zu einem APC-Modell beinhalten.

Eine erste mathematische Zeitschrift wechselt

Die Herausgeber des Journal of Algebraic Combinatorics wollten ihre Zeitschrift auf ein faires Open-Access-Modell umstellen. Da sich dies nicht beim bisherigen Verlag Springer Nature bewerkstelligen ließ, haben Herausgeber und das gesamte Editorial Board ihre Tätigkeit zum Ende des Jahres 2017 beendet und eine neue Zeitschrift gegründet: Algebraic Combinatorics. Die Zeitschrift wird nun mit Unterstützung des Centre Mersenne herausgegeben und verwendet Open Journal Systems als Einreichungsplattform. Bereits kurz nach der Ankündigung der Umstellung hat die neue Zeitschrift beinahe 50 Einreichungen, von denen einige durch ihre Autor/innen bei der Springer-Zeitschrift zurückgezogen und hier neu eingereicht wurden. Die Umstellung ist an den Fair Open Access Principles orientiert und wird durch MathOA unterstützt.

Logo von MathOAWeitere mathematische Zeitschriften werden unter dem Dach von MathOA auf faire Open-Access-Modelle wechseln. Dabei kann auch auf die Ergebnisse einer Befragung in der mathematischen Community zurückgegriffen werden: Cameron Neylon/David M. Roberts/Mark C. Wilson: Results of a Worldwide Survey of Mathematicians on Journal Reform.

TIB unterstützt FOAA

Die Technische Informationsbibliothek (TIB) hat der Fair Open Access Alliance Unterstützung zugesagt. Für 2017 wurde eine Unterstützung der weiteren Umstellung mathematischer Zeitschriften vereinbart. Für die Folgejahre strebt die TIB eine kontinuierliche Zusammenarbeit an und möchte dazu mit den Communities ihrer Fächer zusammenarbeiten, um Fragen der Open-Access-Umstellung von Zeitschriften zu diskutieren.

APC-Modelle sind teuer, aber dominieren nach wie vor die Diskussion. Dies liegt sicherlich zu großen Teilen darin, dass sie einfach zu implementieren sind. Sie genügen auch beispielsweise einer alternativen Definition von „fair“: dem Verursacherprinzip. Wer viel veröffentlicht, soll viel zahlen. Doch diese Modelle skalieren nur sehr schwer, und alle Arten von Kosten, die den Autor/innen in Rechnung gestellt werden, können Wissenschaft und Publizieren behindern (und haben sicherlich auch zu Vorurteilen gegenüber Open Access beigetragen). Außerdem setzen sie falsche Anreize für gewinnorientierte Verlage. Konsortial, pauschal finanzierte Open-Access-Modelle sind geeignet, mit niedrigeren Gesamtkosten die APC-Nachteile zu überwinden.

Die Umstellung etablierter Fachzeitschriften ist ein probates Mittel, zu einer flächendeckenden Umstellung auf Open Access zu gelangen. Dies hängt jedoch stark von den konkreten Bedingungen ab: Sind die Open-Access-Modelle finanziell nachhaltig, skalieren sie bei einer flächendeckenden Umstellung, kommen sie ohne zusätzlichen Aufwand für Autor/innen aus, verhindern sie ein lock-in bei einem einzigen Dienstleister, Verlag oder einer einzigen Software – und schließlich auch: Welche Mehrwerte bietet eine Zeitschrift überhaupt noch, wenn Publikationsplattformen und Preprint-Server heutzutage viel stärker das einzelne Werk in den Vordergrund stellen können und schneller und günstiger veröffentlichen können?

Diese Fragen müssen beantwortet werden, und vermutlich fällt die Antwort nicht immer gleich aus. Die Fair Open Access Principles bieten eine gute Richtschnur, um Open-Access-Modelle für Zeitschriften zu beurteilen und Entscheidungen vorzubereiten.

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Marco Tullney

... leitet den Bereich Publikationsdienste der TIB und koordiniert deren Open-Access-Aktivitäten.

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