Nicht nur schwarz und weiß: Die Qualität von Open-Access-Zeitschriften bewerten

Open Access macht wissenschaftliche Ergebnisse frei zugänglich. Eine Aussage über die Qualität ist damit zunächst einmal nicht verbunden. Dennoch ist ein oft gehörter Vorbehalt mangelnde Qualität. Open-Access-Zeitschriften seien qualitativ schlechter als herkömmliche Zeitschriften und viele wären nur hinter dem Geld der Autorinnen und Autoren her. Auch wenn der Vorwurf so pauschal natürlich falsch ist, ist er teilweise zu erklären: Viele Open-Access-Zeitschriften sind relativ jung, hatten also noch zu wenig Zeit, sich gegenüber den althergebrachten zu etablieren, sich Reputation aufzubauen und ggf. einen Impact factor zu bekommen. (Und mangelnde Reputation wird gerne fälschlicherweise mit mangelnder Qualität gleichgesetzt.) Andererseits gibt es auch tatsächlich Zeitschriften, die nicht den üblichen Kriterien für wissenschaftliche Publikationen entsprechen und z.B. kein oder nur mangelhaftes Peer Review durchführen. Der bei vielen Open-Acces-Zeitschriften übliche Modus, sich über Artikelgebühren zu finanzieren, lockt natürlich schwarze Schafe auf den Plan, die nur das Geld nehmen, ohne eine adäquate Gegenleistung zu bieten. (Dieses Phänomen ist im Übrigen nicht auf Open-Access-Zeitschriften beschränkt. Da Subskriptionszeitschriften an Bibliotheken meist nicht einzeln, sondern von den Verlagen im Bündel verkauft werden, besteht auch hier die Verlockung, die Pakete mit minderwertigen Zeitschriften aufzublähen, um Preissteigerungen zu rechtfertigen.)

Solche zweifelhaften Zeitschriften, für die sich der englische Begriff „predatory journals“ eingebürgert hat, sind nicht immer auf Anhieb als solche zu erkennen. Einfache Abhilfe versprach bis vor kurzem „Beall’s list“, eine Liste von hunderten von Zeitschriften bzw. Verlagen, die von Jeffrey Beall, einem amerikanischen Bibliothekar, als „potential, possible, or probable predatory scholarly open access publishers“ eingestuft wurden. Die Liste wurde viel genutzt, aber auch viel kritisiert. Ihre Kriterien waren nicht transparent und die Einschätzung oftmals fragwürdig, so wurden beispielsweise Verlage, die nicht in Nordamerika oder Westeuropa sitzen, von vornherein mit Misstrauen bedacht. Anfang des Jahres 2017 ging die Liste unter nicht ganz geklärten Umständen vom Netz. Wenig später startete das Unternehmen Cabells eine neue Blacklist, die nach transparenten Kriterien von einem Team zusammengestellt wird. Der Zugriff ist kostenpflichtig, man hofft offenbar, dass Forschungseinrichtungen und Bibliotheken bereit sind, für diesen Dienst zu bezahlen. Diese Liste ist sicherlich ein Fortschritt gegenüber Beall’s list, das grundlegende Problem von Blacklists kann sie naturgemäß nicht ablegen: Wie so oft im Leben gibt es auch beim wissenschaftlichen Publizieren nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch eine breite Grauzone.

Logischer und einfacher ist es, sich auf geprüfte gute Qualität mit nachvollziehbaren Kriterien zu konzentrieren. Das Directory of Open Access Journals (DOAJ) listet rund 10.000 Open-Access-Zeitschriften, die gewisse Mindestkriterien erfüllen. Sie müssen unter anderem ein Peer Review oder eine vergleichbare Qualitätssicherung durchführen, klar identifizierbare Herausgeber haben und transparent bezüglich der Kosten sein. Wenn eine Zeitschrift nicht im DOAJ gelistet ist, ist Vorsicht geboten, aber es heißt nicht, dass es sich zwingend um eine minderwertige Zeitschrift handelt. Sie kann z.B. schlichtweg zu neu und noch nicht ins DOAJ aufgenommen sein. Damit Artikel über den Publikationsfonds der Leibniz Universität Hannover oder der Leibniz-Gemeinschaft finanziert werden können, sollte die Zeitschrift im DOAJ gelistet sein. Wenn das nicht der Fall ist, schauen wir uns das genau an und prüfen die Zeitschrift individuell und versuchen nachzuvollziehen, warum sie nicht aufgenommen wurde. Anhaltspunkte dabei sind solche, wie sie beispielsweise von der Inititative „Think. Check. Submit.“ zusammengestellt wurden.

Ein zusätzliches Qualitätssiegel ist das DOAJ Seal, das an Zeitschriften verliehen wird, die noch strengere Kriterien erfüllen. Diese Zeitschriften garantieren unter anderem die Langzeitarchivierung, verwenden einen dauerhaften Identifikator wie DOI, vergeben Lizenzen, die die Weiterverwendung und Bearbeitung erlauben (CC BY, CC BY-SA oder CC BY-NC) und betten diese maschinenlesbar in den Metadaten ein.

Auch wenn der Impact factor durchaus und zu Recht umstritten ist – in vielen Fachgebieten spielt er eine wichtige Rolle bei der Einschätzung der Qualität. Viele etabliertere Open-Access-Zeitschriften verfügen bereits über einen solchen. Eine hilfreiche Aufstellung von Open-Access-Journals mit Impact Factor haben die Kolleginnen und Kollegen der SLUB Dresden zusammengestellt.

Den vermutlich differenziertesten Ansatz zur Bewertung der Qualität von Open-Access-Zeitschriften verfolgt die Initiative Quality Open Access Market (QOAM). QOAM versteht sich als Marktplatz für Open-Access-Zeitschriften, der auf akademischem Crowdsourcing beruht. Bibliotheken bewerten in sogenannten Base Score Cards die Transparenz der Website einer Zeitschrift hinsichtlich Herausgeberschaft, Peer Review und Workflow mit 1 bis 5 Punkten. Autorinnen und Autoren können ihre Erfahrungen mit einer Zeitschrift in sogenannte Value Score Cards einbringen. Zusammen ergibt das eine Matrix, die von starken Zeitschriften (beide Scores > 3) bis schwächeren Zeitschriften (beide Scores < 3) reicht. Darüberhinaus werden auch die Artikelgebühren gesammelt, sowohl die auf der Website genannten als auch die tatsächlich bezahlten. QOAM enthält knapp 24.000 bewertete Zeitschriften (etwa zur Hälfte echte Open-Access-Zeitschriften und Subskriptionszeitschriften mit Open-Access-Anteil), von denen allerdings viele von nur wenigen Personen bewertet wurden. Anders als bei den genannten Black- und Whitelists kann sich hier aber aber jeder am Publikationsprozess Beteiligte, ob aus der Wissenschaft oder aus der Bibliothek, einbringen und mithelfen, eine differenzierte Einschätzung der Qualität von Open-Access-Zeitschriften zu erreichen.

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... arbeitet im Bereich Publikationsdienste der TIB und ist insbesondere für Beratung und Schulungen zum Thema Open Access zuständig.

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