Bequem, zuverlässig – und kontrolliert durch die Lernenden: von Zeugnissen und E-Portfolios zum Personal Learning Ledger

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Dieses Blogposting ist der zweite Teil einer lockeren Artikelserie im TIB-Blog über das Potenzial von Blockchains für Bildung und Forschung. Im ersten Teil ging darum, wie P2P-Dateisysteme und Blockchains die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens und der Big-Data-Herausforderung digitaler Bibliotheken beeinflussen werden. Der heute erscheinende Artikel befasst sich mit der Frage, wie  Mozillas „Open Badges“ die Zeugnisse im Bildungsbereich digitalisiert und dezentralisiert haben, wie dies mit Blockchain noch konsequenter fortsetzbar ist, und wie bereits heute Open Badges und E-Portfolios auf Blockchains integriert werden.

Let’s talk blockchain for science!

Wer sich über Blockchains in Bildung und Forschung austauschen will, kann mich unter anderem beim OERcamp Nord am 23. und 24. Juni 2017 an der Universität Hamburg sowie beim 2017 Global Learning Council Summit am 29. und 30. Juni in Berlin antreffen. Weitere Mitglieder des von Sönke Bartling initiierten Thinktanks Blockchain for Science  sind bei diversen Gelegenheiten ebenfalls anzutreffen. Das Thema scheint nun auch in Deutschland angekommen zu sein. 

Je mehr und je vielfältiger gelernt wird, desto umständlicher und unzeitgemäßer werden Zeugnisse

Es gibt heute immer mehr Gelegenheiten, etwas zu lernen. Der Arbeitsmarkt diktiert, dass das Lernen kein Selbstzweck ist, sondern jeder besuchte Kurs, jedes Praktikum, ja selbst jeder Konferenzbesuch als Qualifikation belegbar sein soll. Was wurde vermittelt, mit welchem Erfolg wurde woran mitgearbeitet oder -gelernt, und schließlich: Wer legt darüber Zeugnis ab, nach welchen Standards? Das Spektrum von Zeugnissen im Bildungsbereich liegt irgendwo zwischen dem Diplom einer renommierten inländischen Universität und dem Besuch eines kurzen Online-Webinars bei einem unbekannten Bildungsanbieter im Ausland.

Eigentlich ist klar, was aus der Sicht eines benutzerzentrierten Designs hier entscheidend wäre: Das Anfordern und Zeigen von Zeugnissen sollte billig und somit auch für die kleinsten Anlässe flexibel einsetzbar sein. Zudem müsste das bequem und zugleich zuverlässig funktionieren – vor allem aus Sicht der Lernenden, die dabei ein Maximum an Kontrolle haben müssten. Die Wirklichkeit sieht heute anders aus: Selbst renommierte Bildungszertifikate wie die oben erwähnten Diplomzeugnisse lassen sich heute zum Beispiel in einer digitalen Bewerbung nur schwer unterbringen. Die Papierform ist immer noch der Regelfall, die zudem notorisch anfällig für Verlust und Beschädigung ist. Das MIT Media Lab weist darauf hin, wie schwer es für Flüchtlinge sein kann, Bildungsabschlüsse nachzuweisen und anerkennen zu lassen – und wie es unter anderem deshalb digitale, Blockchain-basierte Zeugnisse eingeführt hat.

Mit Open Badges geht es auch anders: Das Beispiel „Open Library Badge“

Einen großen Schritt, dieses Problem mit zeitgemäßer Netztechnologie besser zu lösen, haben der Browser-Hersteller Mozilla und andere bereits 2011 mit den Open Badges unternommen. JedeR kann mit der offenen Badges-Infrastruktur verhältnismäßig leicht Zertifikate ausstellen.

Abb. 1: Jörg Lohrer (2013): „Die Anatomie von Badges. Based on Open Badge Anatomy classhack.com/post/45364649211/open-badge-anatomy-updated CC BY SA Kyle Bowen“

Ein gutes Beispiel dafür ist die Anwendung dieser Badges bei der informellen Initiative Open Library Badge. (Full Disclosure: In dessen Gründungsphase 2016 war ich aktiv an diesem Projekt beteiligt.) Eine Bibliothek kann sich die Offenheit ihrer Arbeitsweise hier zertifizieren lassen, indem sie sich durch das Ausfüllen eines Online-Fragebogens um den Badge bewirbt. Freiwillige Gutachter der Initiative beurteilen dann, ob die Kriterien erfüllt sind und stellen den Badge gegebenenfalls aus. Ob und wie die Bibliothek als jeweilige Empfängerin des Badges dieses Symbol dann auf einer Website einbindet bleibt vollkommen ihr überlassen.

Wie das oben skizzierte Beispiel der Open Library Badges zeigt, sind bei Open Badges Einfachheit und Kontrolle über den Vorgang gegeben – und zwar sowohl seitens der Zertifizierenden als auch seitens der Zertifizierten. Der erworbene Badge kann eingesetzt werden, um jedem Dritten mit Sicherheit zu beweisen, dass dieses Zertifikat von X für Y für die Erfüllung der Kriterien Z ausgestellt worden ist.

Open Badges: Im Web 2.0 tatsächlich machbar …

Zentrale Gatekeeper, die Kosten und Anfälligkeit von Zeugnissen in die Höhe treiben, benötigt man eigentlich nicht mehr, wenn man Open Badges verwendet. Doch wie sieht dieses Modell heute in der konkreten technischen Umsetzung aus? Die „Open Library Badges“ werden zum Beispiel auf einem privaten Server gehostet, und die von der Initiative genutzte Open-Badges-Infrastruktur läuft auf den Servern eines Diensteanbieters. Hier wird beispielhaft die Stärke des Web 2.0 ausgeschöpft – organisatorischer oder finanzieller Aufwand fällt weg, interessierte Freiwillige konnten hier ohne Weiteres ihre Idee in die Tat umsetzen.

… aber fragil und auch sonst nicht gerade perfekt

Doch leider ist dieser Ansatz auch sehr fragil. Was passiert, wenn Webhoster oder Badge-Diensteanbieter aufhören zu existieren oder nicht so funktionieren wie erwartet? Genauer: Kann sich der Empfänger des Zertifikats darauf verlassen, dass sein Zertifikat unverändert erhalten bleibt und nur er kontrolliert, wo und wie es eingesetzt oder veröffentlicht wird? (Zugegeben, der Privacy-Aspekt spielt bei dem hier gewählten Beispiel keine große Rolle. Wer sich um einen Open Library Badge bewirbt tut das ohnehin für seine Öffentlichkeitsarbeit. Bei unserem Ausgangsthemen, den Bildungszertifikaten, ist das jedoch keineswegs immer der Fall. Darauf geht auch der weiter oben verlinkte Bericht des MIT Media Lab ein.)

Eine Lösung könnte hier eine verteilte Datenbank für Badges auf der Grundlage einer Blockchain bieten. Die an eine solche verteilte Datenbank hinzugefügten Informationen lassen sich weder entfernen noch verändern. (Im vorangegangenen Blogposting bin ich etwas ausführlicher darauf eingegangen, wie das funktioniert.) Was im erfolgreichen Konzept der Open Badges bereits angelegt ist, kann mittels Blockchain noch weit konsequenter umgesetzt werden als zuvor: kleinteilige, bequeme, zuverlässige Bildungszertifikate ohne Gatekeeper, unter voller Kontrolle der Lernenden.

Die Welle des Experimentierens rollt an: von der BadgeChain bis hin zum „Personal Learning Ledger“

Das oben Gesagte mag nach Science Fiction klingen, doch seit 2015 rollt (jedenfalls außerhalb Deutschlands) eine Welle des Experimentierens an. Diverse Bildungsinstitutionen bieten bereits Blockchain-basierte Bildungszertifikate an. Einen Überblick hierzu bieten Audrey Watters und Doug Belshaw. Carla Casilli, Serge Ravet, W. Ian O’Byrne und KollegInnen sprechen von der „BadgeChain“. Sie greifen zudem das Konzept des E-Portfolios auf, eines digitalen Lerntagebuchs, in dem die Lernenden beliebige digitale Produkte, an denen sie (mit-)gearbeitet haben, für Dritte festhalten können. In Open Badges verzeichnete Lernerfolge werden bereits heute vielfach mit Links auf Artefakte im E-Portfolio des jeweiligen Lernenden belegt. Ein selbstverwaltetes Portfolio eigener Arbeitergebnisse, verbunden mit der – mehr oder weniger formalisierten – Anerkennung dieser Leistungen durch Dritte wäre ein „OpenLedger“ (Ravet 2015) beziehungsweise ein  „Personal Learning Ledger“ (O’Byrne 2016). Ravet fasst dessen Vorteile so zusammen:

One of the main benefits with blockchains is a clear separation between data (stored in the blockchains) and the applications serving/exploiting the data. The blockchain contains all the data from the whole network, which is a radical difference with today’s Open Badge infrastructure where the data is fragmented across the various badge issuing platforms (hosting assertions) and various storage platforms (hosting badges) (…). Having the data in a blockchain frees innovation, the same way the opening of public data does: the blockchain is the solution to opening up personal data while keeping full control over its exploitation. The blockchain is an invitation to create new applications and services from the wealth of data they contain.

Abb.3: „Blockchain based eportfolios, feedback and accreditation.“ Aus: Open BlockChain – The Open University. http://blockchain.open.ac.uk/

Die vielleicht am weitesten fortgeschrittene Umsetzung eines integrierten Systems von Open Badges und E-Portfolios auf der Basis einer Blockchain (in diesem Fall der Ethereum-Blockchain) hat das Knowledge Media Institute (KMi) der Open University vorzuweisen. KMi-Direktor John Domingue zufolge (vgl. auch das Video ganz oben auf der verlinkten Website) soll die Blockchain in diesem Szenario dabei helfen, vermittelnde Instanzen zwischen Lernenden und Lehrenden überflüssig zu machen und somit die Universität selbst zu verbessern. Der nächste Schritt sei, dass sich weitere britische Bildungseinrichtungen diesem Modell anschließen.

Ein Blick auf die Potenziale von Blockchain und P2P-Dateisystemen bezogen auf das Data Curation Continuum nach Treloar zeigt große Ähnlichkeiten zum „Personal Learning Ledger“. In beiden Zusammenhängen gilt es, einen reibungslosen Übergang von Informationsobjekten aus der privaten Domäne des Forschers beziehungsweise des Lernenden hin zur öffentlichen Domäne abzubilden. In beiden Fällen sollen Peer Review und kuratierte Sammlungen (im Kontext des wissenschaftlichen Publizierens und der digitalen Archive und Bibliotheken) beziehungsweise Benotungen und Bewertungen (im Kontext von Qualifikation und Lehre) über modulare Dienste leicht hinzugefügt werden können.

Ausblick: Wie geht es weiter?

Wie anhand von FirstPartners 2016 Blockchain Ecosystem Market Map gut zu erkennen ist, gewinnen Blockchains bisher vor allem als Investitionsinstrumente an Bedeutung. Die Standardisierung der technischen Grundlagen wird seit April 2017 immerhin auch von DIN und ISO vorangetrieben. Eine Expertenbefragung des World Economic Forum (WEF) hatte bereits 2015 die Blockchain als ein gesellschaftlich folgenreiches Konzept identifiziert. Doch weder FirstPartner noch ISO oder WEF erwähnen eine mögliche Anwendung der Blockchain in Bildung und Forschung. Dort steht die Entwicklung offenkundig erst am Anfang.

Der letzte, im Oktober 2016 veröffentlichte „Hype Cycle for Education“ der Gartner Group verortete das Thema „Blockchain in Education“ im frühesten Stadium des „Innovation Triggers“, also noch ganz am Anfang des Zyklus – mit der Prognose, dass bis zur Annahme durch den Mainstream noch fünf bis zehn Jahre vergehen werden. Ob und wie es tatsächlich weitergeht, darüber wird auch vom 25. bis 27. Oktober 2017 in Bologna zu hören sein, beim ersten „International Open Recognition Day“. Und wie sich die Entwicklung wirklich vorantreiben lässt, das lässt sich derzeit vielleicht am besten in den Niederlanden lernen, wo eine große Koalition aus Industrie, NGOs und Bildungseinrichtungen im Februar einen großen Dutch Blockchain Hackathon veranstaltete. (Herzlichen Dank Theo Mensen, Stichting ePortfolio Support, für den Hinweis!)

Update (13.6.2017)

Erst nach dem Veröffentlichen dieses Artikels habe ich Blockchain brings democratized education: A paradigm shift in learning entdeckt, einen Artikel von Phaedra Boinodiris, „IBM’s global lead for serious games and gamification at IBM“. Der Artikel liefert eine schnelle und lebendige Erläuterung von IBMs Konzept eines „skills hyperledger built on blockchain“. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

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Lambert Heller

Open Science Lab bei TIB
A librarian, speaker & consultant working at TIB's Open Science Lab. Into: Scholarly online practices, decentrailzed Web, and more. @Lambo on Twitter.

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