Der Aufschwung der Preprint-Server

Für Physiker/innen, Mathematiker/innen und Informatiker/innen ist es selbstverständlich, ihre Artikel, bevor sie in einer Fachzeitschrift erscheinen, auf arXiv zu veröffentlichen – und das seit 1991. Heute enthält arXiv mehr als 1,2 Millionen Volltexte, die im Jahr 2016 mehr als 100 Millionen Mal heruntergeladen wurden. Diente arXiv anfangs vor allem dem schnellen Austausch von Manuskripten, deren Druck und Vertrieb in einer Zeitschrift Wochen und Monate dauern konnte, spielt heute der Open-Access-Gedanke eine immer wichtigere Rolle, da auf diese Weise Inhalte aus kostenpflichtigen Zeitschriften frei zugänglich gemacht werden (der sogenannte „grüne Weg“ zu Open Access).

In anderen Fächern konnten Preprint-Server hingegen lange Zeit nicht Fuß fassen. Nachdem Randbereiche der Biologie bereits in arXiv vertreten waren, wurde 2013 bioRxiv ins Leben gerufen, damit nahm die Verbreitung von Preprints in den Lebenswissenschaften einen Aufschwung (siehe Abbildung), auch wenn die Zahlen verglichen mit arXiv eher bescheiden sind.

 

Preprints pro Monat in den Lebenswissenschaften. (ASAPBio, CC BY 4.0)

Im Jahr 2016 gab es dann einen regelrechten Boom der Preprint-Server für die verschiedensten Fachgebiete, darunter SocArXiv für die Sozialwissenschaften, ChemRxiv für die Chemie, engrXiv für die Ingenieurwissenschaften, PsyArXiv für Psychologie, AgriXiv für Agrarwissenschaften oder paleorxiv für die Paläontologie. Während SocArXiv bereits über 800 Dokumente enthält, kommen andere nicht so recht aus den Startlöchern. ChemRxiv wurde beispielsweise im August 2016 von der American Chemical Society (ACS) in einer Pressemitteilung angekündigt, geschehen ist seitdem aber nichts.

Mit ein Grund für diesen Boom ist vermutlich, dass mit der Open-Source-Plattform OSF ein neues Werkzeug zur Umsetzung der technischen Plattform zur Verfügung steht, das bei vielen der genannten Preprint-Server zum Einsatz kommt. Allen genannten gemeinsam ist der Namensbestandteil „(a)rxiv“, mit dem man sich an das bekannte und erfolgreiche arXiv anlehnt. arXiv selbst hat nicht die personellen und finanziellen Kapazitäten, weitere Fächer zu integrieren und beschränkt sich auf seine angestammten Gebiete, erlaubt aber die Nachnutzung des Namens. Außerdem ist arXiv in der Beratergruppe von OSF Preprints vertreten.

Während sich die technische Infrastruktur vergleichsweise leicht verwirklichen lässt, ist das bei der Einstellung und dem Verhalten sowohl auf Seiten der Autor/innen als auch der Zeitschriften schwieriger. Eine Preprint-Kultur, wie sie sich in 25 Jahren in Physik, Mathematik und Informatik etabliert hat, lässt sich nicht so einfach auf andere Fächer übertragen. Obwohl ACS die Preprint-Plattform ChemRxiv ins Leben gerufen hat, erlauben viele der von ACS herausgegebenen Zeitschriften nicht, dass eingereichte Artikel vorab veröffentlicht werden. Auch der Herausgeber der renommierten Zeitschrift Angewandte Chemie sprach sich in einem polemischen Editorial gegen Preprints in der Chemie aus.

In den Lebenswissenschaften ist man schon etwas weiter, hier wird unter anderem gerade diskutiert, ob Preprints in Förderanträgen angegeben werden dürfen oder sollen. Es gibt auch Befürchtungen, dass zu viele Preprint-Server zu Unübersichtlichkeit führen und die Ausbildung einer Preprint-Kultur eher behindern als fördern. Daher gibt es konkrete Pläne, eine einheitliche Plattform für die Lebenswissenschaften zu starten, die von Wissenschaftler/innen und Förderorganisationen unterstützt werden. Einstweilen ermöglicht die Seite PrePubMed die gleichzeitige Suche auf mehreren Servern.

Einige Preprint-Server sollen in loser Folge hier im TIB-Blog vorgestellt werden. Der Anfang wurde mit SocArXiv bereits gemacht, arXiv wiederum ist hier ohnehin ein regelmäßig behandeltes Thema.

Was sind Preprints?

Preprints sind wissenschaftliche Manuskripte, die von den Autor/innen ohne formale Begutachtung auf einer entsprechenden (meist fachspezifischen) und kostenlos zugänglichen Plattform hochgeladen werden und häufig (aber nicht immer) zusätzlich bei einer Fachzeitschrift eingereicht werden oder wurden. Der Zeitpunkt des Hochladens hängt von der jeweiligen Fachkultur ab, in manchen Fachgebieten ist das schon vor oder nach dem Einreichen bei der Zeitschrift üblich, in anderen erst, wenn der Artikel von der Zeitschrift zur Publikation angenommen wurde. Letzteres wird bisweilen etwas irreführend auch als Postprint bezeichnet. ArXiv nennt seine Dokumente e-prints.

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... arbeitet im Bereich Publikationsdienste der TIB und ist insbesondere für Beratung und Schulungen zum Thema Open Access zuständig.

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