Star Trek, die Uni Hannover und die Ursprünge der Computerkartographie

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Im AV-Portal (https://av.tib.eu), dem Videoportal der Technischen Informationsbibliothek (TIB), finden sich neben aktuellen wissenschaftlichen Beiträgen auch historische Filme, die einen Rückblick in die Technik- und Wissenschaftsgeschichte erlauben.

Dieser Beitrag stellt ein 30 Jahre altes Video aus dem TIB-Sammlungsbereich (Geo-)Informatik aus dem Jahr 1987 vor. Dieses Video war zeitweise verschollen und hat seit seiner Entstehung unter Landkartenliebhabern, Informatikern und Star-Trek-Fans Kultstatus gewonnen.

Der Videofilm namens „GRASS – Geographic Resource Analysis Support System“ beleuchtet die Anfänge des Technologiewandels hin zu digitalen Landkarten und computergestützter Raum- und Landschaftsplanung.

Der Film wurde seinerzeit aufwändig im Auftrag des Managementprogramms für natürliche Ressourcen der US-Armee produziert, um die Vorteile computergestützter nachvollziehbarer Planung anhand ökologischer Aspekte und archäologischer Fundstellen auf Truppenübungsplätzen zu belegen. Hierfür wird zum Einsatz eines Geoinformationssystems (GIS) namens GRASS geraten, um „die Karten aus den Schränken und in den Computer“ zu bekommen, wie der Sprecher sagt.

Aus heutiger Sicht lohnt der Film allein wegen der gezeigten, längst antiquierten Computersysteme und Speichermedien. Auch der genannte rapide Preisverfall für einen einzelnen Computerarbeitsplatz von circa 100.000 Euro (umgerechnet) in 1987 auf „nur“ noch 60.000 Euro im Jahr 1989 in der Rückschau ein dramatisches Beispiel für die weiterhin fallenden Kosten für Computerkapazitäten. Beachtenswert ist, dass man dabei nur an Kosten für Hardware, aber nicht für Software dachte: Das durch staatliche Institutionen entwickelte GRASS GIS war ein öffentliches Gut (public domain).

Neben der Technologie tun der Soundtrack sowie Kleidung und Frisuren der Darsteller ihr Übriges, um den Zeitgeist der 1980er-Jahre lebendig werden zu lassen und an Hollywood-Filme wie „Zurück in die Zukunft“ oder TV-Serien wie „Dallas“ und „Denverclan“ zu erinnern.

Allerdings wird man im Film vergeblich nach seinem heimlichen Star suchen, der für den bereits erwähnten Kultfaktor sorgt. Diesen hört man nur: Es ist der Sprecher.

Das professionelle Werbevideo mit entsprechender Strahlkraft sollte seinerzeit den Nutzerkreis der GRASS-Software erweitern. Dafür wurde ein charismatischer Sprecher mit möglichst hohem Bekanntheitsgrad benötigt. Diesen fand man in Gestalt des Schauspielers William Shatner, der durch die Rolle des Kapitäns James T. Kirk des Raumschiffs Enterprise seit den 1960er-Jahren weltweit bekannt war. Im Jahr zuvor war bereits der zweite Star-Trek-Kinofilm „Der Zorn des Khan“ in die Kinos gekommen.

Der Werbefilm wurde auf analogen VHS-Videokassetten an potenzielle Interessenten verteilt. Der erhoffte Erfolg wurde jedoch durch unvorhergesehene Ereignisse verhindert: Die staatlich finanzierte Entwicklung von GRASS wurde im Nachgang seitens der US-Regierung eingestellt. Der Programmcode wurde als öffentliches Gut für Ausbildungszwecke an Universitäten in den USA übergeben.

Hier könnte die Geschichte bereits im Jahr 1996 zu Ende sein.

Die globale Vernetzung durch das Internet in den 1990er-Jahren ermöglichte jedoch eine unvorhergesehene Wendung: Zugriff auf die GRASS-Software-Archive wurde auch aus Deutschland – genauer: aus Hannover – möglich:

Bereits 1993 erweckte ein Geographiestudent am Institut für Landschaftspflege und Naturschutz (ILN) der Leibniz Universität Hannover, Markus Neteler, die Software aus ihrem Dornröschenschlaf.

Seinerzeit hatte die von den Machern des Videos beschriebene Digitalisierung auch die Studiengänge in Deutschland erreicht. Geoinformationssysteme erforderten jedoch mittlerweile hohe Lizenzkosten, was eine Hürde für die wissenschaftliche Neugier darstellte. Zugriff auf Software war eine rare und reglementierte Ressource. Die wiederentdeckte Verfügbarkeit einer gemeinfreien, „kostenlosen“ Alternative eröffnete für Studierende und Lehrende neue Möglichkeiten zur Innovation. So wurde, ausgehend von der Leibniz Universität Hannover, der Grundstock für den internationalen Siegeszug von GRASS GIS gelegt, der bis heute andauert. Die Software ist heute weltweit in Lehre, Forschung und Industrie im Einsatz und mit einem Alter von 34 Jahren eines der langlebigsten freien Softwareprojekte.

Allerdings schien es so, als ob das GRASS-Video in diesem Prozess vergessen und verloren gegangen sei. Erst im Jahr 2003 konnte eine digitalisierte Version des GRASS-Videos von einer der alten VHS Kassette aus dem Archiv eines der ursprünglichen Softwareentwickler, James Westervelt, überspielt werden. Bild und Ton waren entsprechend verrauscht. Diese Version des GRASS-Films wurde initial auf dem Youtube-Portal eingestellt, war aber schwer zu finden und konnte nicht nach wissenschaftlichen Ansprüchen zitiert werden.

Das Technologie-Magazin WIRED für Netzkultur widmete 2013 dem GRASS-Video einen eigenen Artikel. Dabei wurde auf Kultfaktor und das Fehlen einer offiziellen Referenz, wie etwa in der Internet-Datenbank IMDb betont.

Aus dieser Situation heraus wurde das Video von der TIB als Kandidat für das im Aufbau befindliche AV-Portal für wissenschaftlichen Film identifiziert.

Ein wichtiger Schritt für die Aufnahme eines wissenschaftlichen Films in das AV-Portal ist die Klärung der Rechte. Die TIB strebt hier möglichst immer die Veröffentlichung unter einer Open-Access-Lizenz an, damit die Inhalte möglichst frei zugänglich sind. Hierfür wurden die Video-Produzenten in den USA kontaktiert, die gerne Details zur Produktionsgeschichte teilten, wie etwa, dass man quer durch die USA nach Hollywood gereist sei, um dort mit William Shatner zu arbeiten. Eine weitere unvorhergesehene Wendung ergab sich durch einen Überraschungsfund in den Produktionsarchiven, wo ein verbliebenes Videoband in Profiqualität entdeckt wurde.

Diese hochqualitative Version ist im AV-Portal der TIB verfügbar und als kann wissenschaftliche Ressource genutzt werden. Damit erfüllt die TIB einen lang gehegten Wunsch der Geoinformatiker, des WIRED-Magazins sowie der Fans von Captain Kirk und Star Trek.

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Peter Löwe

Peter Löwe

Leitung Entwicklung

4 Gedanken zu „Star Trek, die Uni Hannover und die Ursprünge der Computerkartographie

  1. Die Szene, in der die leichte Bedienbarkeit von GRASS angepriesen wird, entlockte mir schon mehr als nur ein verhaltenes Schmunzeln …

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