„Weil ich die Bücher so vermehre, dass ich nichts als den Staub abkehre…“

Der gelehrte Büchernarr in Johann Christoph Weigels Narrensatire Centi-Folium Stultorum in Quarto: Oder Hundert Ausbuendige Narren (1709) findet für seine staubige Büchersammlung eine pragmatische Lösung: Mit einem Handbesen wird der Einband gereinigt, während der Buchschnitt durch kräftiges Pusten vom Staub befreit wird. Und auch in Ernst Jandls Gedicht „bibliothek“ (1978) (gibt es im Lesesaal Literatur- und Sprachwissenschaften am Standort TIB Conti-Campus unter GT/900/jan 2/1043-3) werden „die vielen bücher / mit dem vielen staub darauf“ einfach mit einem Staubwedel gereinigt. Durch Veränderungen der Lagerung und Verbesserungen der klimatischen Verhältnisse in Bibliotheken ist heutzutage nicht mehr mit einem vergleichbaren Staubaufkommen zu rechnen. Dennoch kennt jeder Nutzer die „Staubwolken,“ die ungenutzte Bücher umgeben. Staub gehört zu den natürlichen Verschmutzungen von Bibliotheksbeständen und weder die Entstehung noch die Ablagerung können vermieden werden. Insbesondere bauliche Maßnahmen, aber auch Umwelteinflüsse von außerhalb führen trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu einer erhöhten Staubbelastung.

Woraus besteht Staub?

Staub besteht aus krümeligen Partikeln und Fasern, aber auch aus Haaren, Hautzellen, Pollen, tierischen Hinterlassenschaften sowie Baustaub und Farbpartikeln. Weil sich auch Schimmel, Hausstaubmilben, Bakterien und Viren im Staub wohlfühlen, sollte die Staubbelastung in Bibliotheken nicht unterschätzt werden. Einfache Staubablagerungen können bereits ungesund sein und beispielsweise Allergien hervorrufen. Obwohl die meisten Schäden an Büchern durch unsachgemäße Nutzung entstehen, ist Staub auch für Bücher schädlich. Staubpartikel scheuern nicht nur am Einband, sondern geraten auch durch Nutzung zwischen die Seiten.

Was tun gegen Staub in der Bibliothek?

Um Staubablagerungen zu reduzieren und zu verhindern, dass Staub bei der Nutzung aufgewirbelt wird und sich von neuem ablagert, ist sowohl die regelmäßige Bodenreinigung als auch die regelmäßige Buchreinigung sinnvoll. Betroffen sind im Übrigen alle Bereiche der Bibliothek in denen Bücher aufgestellt werden, Lesesäle ebenso wie für Nutzer nicht zugängliche Magazine. Während wertvoller Altbestand in der Regel händisch gereinigt werden muss, finden sich für den weiteren Bestand vielfältige Buchreinigungsmöglichkeiten: Mikrofasertuch und Staubsauger haben mittlerweile Handbesen, Staubwedel und Pusten abgelöst und es gibt auch einige automatische Buchreinigungsverfahren.

Automatische Buchreinigungsmaschine an der TIB

Seit November 2013 unterstützt die automatische Buchreinigungsmaschine Depulvera die Mitarbeiter der TIB in der Buchpflege. Die Maschine wird im Idealfall von zwei, besser sogar noch drei Mitarbeitern bedient, um einen kontinuierlichen Arbeitsablauf zu gewährleisten. Jedes Buch wird in den Einzug der Maschine hineingeschoben, bis es von den Transportriemen erfasst und durch die Maschine geführt wird, ehe es aus dem Auszug der Maschine wieder entnommen werden kann. Zwei vertikale rotierende Bürsten aus weichem Rosshaar bürsten in einem ersten Reinigungsschritt bereits am Einzug der Maschine leichte Verschmutzungen von Kopf- und Fußschnitt. Das Buch wird auf den Transportriemen weiterbewegt und um 90° gedreht. In einem zweiten Schritt reinigen zwei horizontale Bürsten den Bucheinband. Nach einer abschließenden Reinigung des Vorderschnitts durch eine weitere vertikale Bürste wird das Buch ausgegeben und kann gereinigt wieder der Nutzung bereitgestellt werden. Diese Buchreinigungsmaschine arbeitet äußerst buchschonend. Sensoren im Inneren ermöglichen die passgenaue Einstellung der Bürsten anhand der Maße des Buches. Eine Rolle hinter den horizontalen Bürsten drückt die Einbandoberseite nach unten und verhindert so das Aufblättern des Buches. Ein weiterer Sensor ermittelt das Gewicht des Buches und stellt entsprechend die Einwirkungsstärke der Bürsten ein. Der abgebürstete Staub wird direkt an den Bürsten von einem mit einem HEPA-Filter ausgestatteten Hochleistungsstaubsauger abgesaugt. Die Maschine und die Bürsten müssen regelmäßig gereinigt werden. Zudem sollte sie regelmäßig benutzt werden, um insbesondere Verformungen an den Transportriemen, die durch längere Nichtbenutzung entstehen, zu verhindern.

Unsere Buchreinigungsmaschine kann innerhalb einer Minute bis zu zwölf Bücher reinigen; mit einem Personaleinsatz von drei Mitarbeitern ist diese Geschwindigkeit auch realistisch. Zum Vergleich: Bei der manuellen Buchreinigung mit einem Staubsauger können von einem Mitarbeiter drei Bücher in der Minute gereinigt werden. Die Buchreinigungsmaschine ist fahrbar und kann direkt im Bestand eingesetzt werden. Sehr kleinen und dünnen Büchern fehlt allerdings das notwendige Eigengewicht, um die Passage durch die Buchreinigungsmaschine heil zu überstehen, ebenso sollten keine beschädigten Bücher oder Loseblattsammlungen maschinell gereinigt werden. Derartige Fälle müssen weiterhin händisch gereinigt werden. Darüber hinaus scheitert die Maschine an hartnäckigen Verschmutzungen oder Ablagerungen durch Schimmelbefall. Leichte Staubablagerungen wie sie üblicherweise im Lesesaal und Magazin vorkommen, sind mit der Buchreinigungsmaschine aber leicht zu beheben. Die Staubbelastung wird bei regelmäßiger Anwendung auf einem niedrigen Niveau gehalten, die Gefahr von Schimmelbildung und allergischen Reaktionen werden reduziert, die Bestände langfristig erhalten und für die Nutzung zugänglich gemacht. Die regelmäßige Buchreinigung hängt jedoch nicht nur von den technischen Möglichkeiten ab, sondern insbesondere auch vom Personaleinsatz. Zudem arbeitet solch eine Maschine durch den notwendigen angeschlossen Staubsauger leider nicht geräuscharm, so dass ein Einsatz in den öffentlichen Bereichen der Bibliothek während der Öffnungszeiten nicht immer möglich ist.

Die Buchreinigungsmaschine der TIB wird derzeit täglich von einem Mitarbeiter am Standort TIB Geschichte/Religionswissenschaft eingesetzt, um den Bestand nach einer Baumaßnahme zu reinigen. Bisher sind bereits ca. 22.800 Bücher durch die Buchreinigungsmaschine gefahren!

Vielen Dank an den Kollegen Rainer Schmidt für Hintergrundinformationen und eine Demonstration der Buchreinigungsmaschine.

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Sandra Simon

... ist Referendarin an der TIB.

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