Niederlande: Nationaler Open-Science-Plan vorgelegt

In den Niederlanden ist ein nationaler Plan für Open Science vorgestellt worden. Die wesentlichen Forschungseinrichtungen des Landes bekennen sich zu konkreten Open-Science-Zielen für die nächsten Jahre, darunter dem Ziel von 100 Prozent Open Access bei Ergebnissen öffentlich geförderter Forschung im Jahr 2020. Der nationale Plan stärkt darüber hinaus die wichtigen Themen „Nachnutzbarkeit von Forschungsdaten“ und „Anreize für Open Science“. Die parallel gestartete Webseite opensciene.nl soll zum zentralen nationalen Informationsangebot in Sachen Open Science ausgebaut werden.

Open Access in den Niederlanden

Open Access ist in den letzten Jahren ein wichtiges Thema in den Niederlanden gewesen. Auf politischer Ebene wurde das Thema antrieben durch den Staatssekretär Sander Dekker. Bereits vor einigen Jahren hat sich die niederländische Regierung für das Ziel ausgesprochen, alle öffentlich geförderten Forschungsergebnissen frei zugänglich zu machen (damals mit Ziel 2024).

Die niederländischen Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2016 wurde auch dazu genutzt, verstärkte Anstrengungen auf EU-Ebene in Richtung Open Access und Open Science zu unternehmen. Hierzu gehören insbesondere der Amsterdam Call for Action on Open Science und der darauf aufbauenden Forderung der EU-Staaten, Open Access bis 2020 zum Standard zu machen (und weitere Schritte in Richtung Open Science zu gehen).

Der nun präsentierte nationale Plan für Open Science ist ein Plan, der von wesentlichen Akteuren der niederländischen Wissenschaftslandschaft, insbesondere Universitäten und Forschungsförderern, ausgearbeitet und der Regierung nun vorgelegt worden ist. Im Zentrum steht, bis 2020 alle Forschungsergebnisse frei zugänglich zu machen. Hierfür ist schon ein wichtiger Grundstein gelegt: In nationalen Verträgen mit den großen Verlagen sind Open-Access-Klauseln enthalten, nach denen die Publikationen von Autor/innen niederländischer Einrichtungen bereits jetzt frei zugänglich werden oder zu einem jedes Publikationsjahr steigenden Prozentsatz frei zugänglich veröffentlicht werden. Auch verlangt die Förderpolicy des nationalen Förderers NWO bereits seit Ende 2015 zwingend Open Access.

Der „nationale Open-Science-Plan“

Der nationale Plan ist eine Antwort auf die im Amsterdamer Call for Action aufgeworfenen Ziele, die bisher in den meisten Ländern noch keine konkreten Umsetzugspläne hervorgerufen haben. Die Vorgeschichte und der Auftrag für den Plan sind auch in einer Unterrichtung des niederländischen Parlaments durch Sander Dekker vom 19. Januar 2017 enthalten. Abgestimmt mit  wesentlichen Forschungseinrichtungen wurde der Bericht in relativ kurzer Zeit durch ein Autorinnenteam (W.J.S.M. van Wezenbeek, H.J.J. Touwen, A.M.C. Versteeg, A.J.M. van Wesenbeeck) geschrieben und herausgegeben durch das Wissenschaftsministerium. Er ist unter einer CC-BY-4.0-Lizenz im Repositorium der TU Delft (DOI https://doi.org/10.4233/uuid:9e9fa82e-06c1-4d0d-9e20-5620259a6c65 veröffentlicht.

Der Plan folgt insgesamt einem pragmatischen Ansatz, ohne die klaren Ziele aus den Augen zu verlieren: Es wird betont, welche Anstrengungen die Organisationen bisher schon unternommen haben und wie darauf weiter aufgebaut werden kann. Open Science hängt laut der Darstellung im Bericht zuvorderst zusammen „with researchers and the increasing quality of their work“ (S. 5). Als wesentliche Ziele werden benannt (ebd.):

  • Full open access to publications in 2020: Continue the Dutch approach for all Dutch research organisations and research areas whilst recognising their differences and similarities;
  • To make research data optimally suited for reuse: To set clear and agreed technical and policy-related preconditions to facilitate reuse of research data, including provision of the necessary expertise and support;
  • Recognition and rewards: To examine together how open science can be an element of the evaluation and reward system for researchers, research groups and research proposals;
  • To promote and support: To establish a ‘clearing house’ for all information regarding all available research support.

Open-Science-Erklärung

Der Plan enthält eine Open-Science-Erklärung, die von 17 Organisationen unterzeichnet wurde. Darin wird Open Science als weltweite und qualitätsfördernde Entwicklung anerkannt, die einer nationalen und internationalen Ausgestaltung für einen reibungslosen Umstieg bedarf. Die Erklärung sichert zu, den nationalen Open-Science-Plan in den Organisationen umzusetzen.

Plattform openscience.nl

Die parallel zur Vorstellung des nationalen Plans gestartete Plattform openscience.nl soll als zentrales Informationsangebot fungieren. Die Organisationen wollen aktiv an der weiteren Ausgestaltung der Plattform mitwirken, die vom Ministerium verwaltet wird.

Mehr als eine Absichtserklärung

Das entstandene Dokument ist mindestens eine sehr gute Informationsquelle über bereits laufende und geplante Aktivitäten. Viele Verweise ermöglichen weitere Recherche, Zitate von Vertreter/innen aus Wissenschaft und Infrastruktur dienen als Testimonials für die Bedeutung von Open Science. Dass Wissenschaftsorganisationen hier relativ schnell eine gemeinsame Planung vereinbaren konnten, ist ein gutes Indiz für die Bedeutung von Open Science in den Niederlanden und für den pragmatischen Ansatz des Autorinnen-Teams. Viele Themen sind noch ausgeklammert, dies wird im Plan auch angemerkt (siehe dazu auch diesen Blogpost der Autorin Wilma van Wezenbeek zum Plan).

Doch der Plan geht über eine reine Absichtserklärung hinaus: Für jedes der Hauptziele wird angegeben, welche der Wissenschaftsorganisationen hierfür zusammenwirken sollen, welche Themen zu behandeln sind und bis wann die Arbeit erfolgreich sein soll. Inhaltlich sind die Aspekte überzeugend und nicht neu, aber es gibt einige interessante Highlights:

  • Alternative Modelle für Open-Access-Modelle müssen evaluiert und umgesetzt werden. (S. 22)
  • Vertraulichkeitsvereinbarungen in Verträgen mit Verlagen sind inkompatibel mit Open Science. Open-Access-Kosten sollen transparent veröffentlicht werden. (S. 22)
  • Forschungsdaten sollen maschinenlesbar, kommentiert und frei zugänglich sein, sie sollen dem FAIR-Prinzip folgen (S. 23)
  • Ein nicht zu unterschätzender Punkt ist die Frage akademischer Anreize – warum sollten noch nicht überzeugte Wissenschaftler/innen den Open-Science-Forderungen folgen, wenn sie keine Vorteile sehen? Jenseits zu inhaltlicher Überzeugungsarbeit spielen Fragen von Anerkennung in Berufungsverhandlungen, Bewertung von Publikationslisten, Anerkennung für die Veröffentlichung von Daten, Software etc. eine wichtige Rolle, die im Plan sehr betont wird (S. 25f.)
  • Um Vorbehalte und Fragen allgemeiner und disziplinenabhängiger Art optimal begegnen zu können, soll ein koordiniertes Support-Portal eingerichtet werden (S. 26)
  • Ausgelagert in ein separates Ziel wird noch angemerkt, dass Wissenschaftler/innen in den gesamten Open-Science-Umstellungsprozess eingebunden sein sollten (S. 27)

Wie belastbar die Ankündigungen sind, werden die nächsten Jahre zeigen. Im Vergleich zu anderen nationalen Anstrengungen stellen sich die Niederlande vorne auf. Was jedoch weiterhin fehlt, sind konkrete Maßnahmen – wie soll der Umstieg gelingen, jenseits von kooperativen Arbeitsgruppen und politischen Zielen? Die zentrale Rolle des Ministeriums wirkt im Moment sehr positiv – doch wie robust ist dieser Prozess gegenüber möglichen Regierungswechseln? Sind die Wissenschaftsorganisationen willens und in der Lage, diesen Prozess auch ohne die Unterstützung und den Antrieb aus dem Ministerium voranzutreiben?

Was optimistisch stimmt, ist: Der Plan ist ein Plan der Wissenschaftsorganisationen, die Ziele sind vernünftig, und es wird nach bestmöglicher Umsetzung gesucht. Dazu kann manchmal auf Bestehendem aufgebaut werden, manchmal müssen alternative und neue Wege gesucht werden. Die Verpflichtung ist gegenüber Wissenschaft und Öffentlichkeit, nicht gegenüber Verlagen und eingeübten Praktiken von Verlagen und Bibliotheken. Hoffentlich lassen sich auch die Transformationsanstrengungen in Deutschland in ähnlicher Richtung ausgestalten.

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Marco Tullney

... leitet den Bereich Publikationsdienste der TIB und koordiniert deren Open-Access-Aktivitäten.

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