Von einem, der den Mut besaß, alles bis dahin bekannte Land zu verlassen: Zum 115. Geburtstag von Werner Heisenberg

Im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts revolutionierte die Physik die Art und Weise, wie über die Welt und das, was wir Realität nennen, nachgedacht wird. Carl Friedrich von Weizsäcker schreibt dazu: „Nennt man zwei Träger dieser Revolution, so muß man Einstein und Bohr nennen. Nennt man drei, dann Einstein, Bohr und Heisenberg.“ (Weizsäcker in „Werner Heisenberg“, S.7)

Heute vor 115 Jahren, am 5. Dezember 1901, wurde Werner Heisenberg in Würzburg geboren. Im jugendlichen Alter von 23 Jahren begründet er die Quantenmechanik, mit 25 formuliert er die Unschärferelation, mit 31 wird er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Seine Erkenntnisse hatten so weitreichende Konsequenzen, dass die Naturwissenschaft „durch die Natur selbst gezwungen worden [ist], die alte Frage nach der Erfaßbarkeit der Wirklichkeit durch das neue Denken aufs neue zu stellen und in etwas veränderter Weise zu beantworten.“ („Werner Heisenberg“, S.41) Heisenberg vergleicht den Weg zu dieser (und „jeder wesentlich neuen“) Erkenntnis mit dem Weg des Columbus, „der den Mut besaß, alles bis dahin bekannte Land zu verlassen in der fast wahnsinnigen Hoffnung, jenseits der Meere doch wieder Land zu finden.“

„Da hätte der Einstein den Kant besser lesen müssen.“

Heisenberg und Weizsäcker im Gespräch

Weizsäcker: „Da hätte der Einstein den Kant besser lesen müssen.“ Heisenberg: „Das hat er natürlich nicht gemacht.“ http://dx.doi.org/10.3203/IWF/G-110#t=16:56,17:22. Lizenz: Keine Open-Access-Lizenz. Es gilt deutsches Urheberrecht.

Zu Werner Heisenberg findet sich neben einer großen Menge an Literatur im TIB-Portal, ein einmaliges Zeitzeugnis im TIB AV-Portal (DOI: 10.3203/IWF/G-110): Ein zwanzigminütiges Video, das Heisenberg im Gespräch mit dem eingangs zitierten Carl Friedrich von Weizsäcker zeigt. Das Video zeigt zwei langjährige Freunde und Kollegen, die verbunden sind durch die gemeinsame Liebe zur Wissenschaft und die in privater Atmosphäre über die zentrale Frage nach dem Wesen des Universums diskutieren. Dabei nehmen die beiden keinerlei Rücksicht auf eventuelle Zuschauer und beziehen sich regelmäßig auf frühere, dem Zuschauer unbekannte Gespräche. So beginnt das Video unvermittelt mit Heisenbergs, für den Außenstehenden völlig kontextfreien Satz: „Ich möchte dazu noch einmal auf unser gestriges Gespräch zurückkommen,…“ Weder wird klar worauf sich das „dazu“ bezieht, noch wird erklärt worum es in dem gestrigen Gespräch ging. Heisenbergs Einschätzung, die im Begleittext des Videos (dieser kann auf der Seite des Videos im AV-Portal heruntergeladen werden) festgehalten ist, das Gespräch sei daher „für den Außenstehenden unverständlich“, kann ich daher nur zustimmen. Dennoch lohnt es sich, dieses Video zu schauen. Denn auch wenn ich nach wiederholtem Ansehen des Videos nicht behaupten würde, den Inhalt völlig verstanden zu haben, so hat es doch einen ganz besonderen Reiz, diese beiden bedeutenden Wissenschaftler in einem freundschaftlich-kritischen und wissenschaftlich-philosophischen Zwiegespräch beobachten zu können.

Insbesondere eine Passage gefällt mir besonders gut und sorgt dafür, dass ich auch beim wiederholten Schauen, jedes Mal aufs Neue herzlich (mit-)lachen muss. Der Dialog geht wie folgt:

Heisenberg: „Das war übrigens natürlich immer der Punkt, der den Einstein so gestört hat. Einstein sagte: Die Physik muß vom Faktischen reden, und ihr habt da eine Mogelei eingeführt, daß ihr nun gerade das Faktische ausklammert und zudem“

von Weizsäcker: „Ja, ja, da würde ich sagen, da hat der Einstein sich wirklich geirrt, denn die Physik redet von Gesetzen, und Gesetze sind immer Gesetze von Möglichem. Da hätte der Einstein den Kant besser lesen müssen.“

Heisenberg: „Das hat er natürlich nicht gemacht.“

Wie hier zwei Koryphäen der Wissenschaft eine dritte zitieren um sich über eine vierte zu amüsieren, das zusammen mit der spitzbübischen Freude, die dieser Dialog bei beiden auslöst, ist es wert, dieses Video wieder und wieder zu schauen.

Mehr über Heisenberg

Bereits in sehr jungen Jahren gelangen Heisenberg seine größten Erfolge. Wichtige Einflüsse, die ihm zu seinen Erkenntnissen verhalfen, waren die Physik Arnold Sommerfelds, Max Borns und insbesondere Niels Bohrs, die Philosophie Platons, die Lyrik Goethes und die Natur Helgolands.

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Gedenkstein auf Helgoland. Quelle: flickr.com, Urheber: Timo Kamph, Lizenz: CC BY 2.0

Durchbruch auf Helgoland

Nach seiner Promotion bei Arnold Sommerfeld in München, arbeitete Heisenberg bei Max Born in Göttingen als er im Juni 1925 unter starkem „Heufieber“, d.h. einer Pollenallergie, litt. Um diese zu kurieren, zog er sich auf Helgoland zurück. Die Zeit dort verbrachte er zu einem Drittel mit langen Spaziergängen in der Natur, zu einem Drittel mit der Lektüre des West-östlichen Divans von Goethe und zu einem Drittel mit dem Studium der Quantenmechanik. Diese außergewöhnliche Kombination half dem jungen Wissenschaftler, nicht nur „alles bis dahin bekannte Land zu verlassen“, sondern auch „jenseits der Meere doch wieder Land zu finden“. An diesen „Durchbruch“ erinnert seit dem 16. Juni 2000 ein zum 75jährigen Jubiläum dieses Durchbruchs von der DPG und dem Max-Planck-Institut für Physik (Werner-Heisenberg-Institut) aufgestellter Gedenkstein auf Helgoland.

Die Philosophie Platons und die Symmetrie der Elementarteilchen

Zu den philosophischen Schlussfolgerungen seiner Theorie befragt, antwortet Heisenberg 1967 folgendes: „Im Altertum gab es einen Streit zwischen Platon und Demokrit über die Natur der kleinsten Teile der Materie. … [Platon] glaubte, daß diese letzten Teile mathematische Formen sind, sozusagen nur noch mathematische Gebilde, die eigentlich gar nicht mehr selbst aus Materie bestehen sondern eben Formen sind. Für Platon waren das die regulären Körper. Nun, ich glaube, in unserer Zeit können wir einfach sagen, daß die Erfahrung für Platon entschieden hat; denn die Elementarteilchen, die wir heute kennen, sind auch charakterisiert durch ihre Symmetrieeigenschaften, sie sind gewissermaßen Darstellungen von mathematischen Symmetrien.“ (Harmonie der Materie in Heisenberg: Gesammelte Werke, Band 2: Physik und Erkenntnis 1956-1968, S.389)

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