Open Access mit Verlagen verhandeln: Worauf ist zu achten?

Die Transformation des wissenschaftlichen Publikationssystems zu Open Access erfordert Gestaltungswillen, eine klare Orientierung auf das Open-Access-Ziel und eine Prüfung und Bewertung alternativer (oder ergänzender) Wege dorthin. Anfang 2015 hat eine breit zusammengesetzte Arbeitsgruppe dazu ein Positionspapier veröffentlicht.

Wege zur Open-Access-Transformation

In der Open Access Week dominieren (zu Recht) Veranstaltungen und Initiativen, die Informationen zu Open Access verbreiten, Werbung für Open Access machen, die Öffentlichkeit einbeziehen. Diese Arbeit ist eine Voraussetzung für alle Open-Access-Arbeit – ohne Einbezug der Hauptakteure des Publizierens kann keine Transformation gelingen, ohne Herausstellen der gesellschaftlichen Vorteile durch Open Access wird wichtiges Potential verschenkt.

Ebenfalls wichtig sind aber auch konkrete Schritte an Schlüsselstellen des Publikationswesens, insbesondere dort, wo Geld fließt. Open-Access-Transformation heißt am Ende eben auch, dass nicht mehr für das Lesen von wissenschaftlicher Literatur gezahlt wird. Überall und jedes Mal, wenn wissenschaftliche Einrichtungen und besonders Bibliotheken Vereinbarungen mit Verlagen treffen, wenn sie ihre internen Policies ausrichten etc., treffen sie Entscheidungen, die die Open-Access-Transformation voranbringen oder verlangsamen können. 

 Positionen zur Schaffung eines wissenschaftsadäquaten Open-Access-PublikationsmarktesPositionspapier

Unter dem etwas sperrigen Namen „Positionen zur Schaffung eines wissenschaftsadäquaten Open-Access-Publikationsmarktes“ hat die Ad-hoc-Arbeitsgruppe Open-Access-Gold der Schwerpunktinitiative „Digitale Information“ der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen im Februar ein Positionspapier vorgelegt, das zentrale Forderungen an Schritte zur Open-Access-Transformation formuliert.

Leitkriterien

Fünf zentrale Aspekte leiten die im Positionspapier versammelten Forderungen:

  • Transparenz
  • Wettbewerb
  • Nachhaltigkeit
  • Wirtschaftlichkeit
  • Pluralität

Die Zielsetzung ist:

Auf Basis dieser fünf Aspekte dokumentiert das Positionspapier Aussagen zum Geschäftsverhältnis von wissenschaftlichen Einrichtungen und Open-Access-Anbietern. Dabei greift das Papier Anforderungen an Verträge über Publikationsgebühren auf und bewertet diese. Weiter werden Positionen zur Verknüpfung von Subskription und Open Access beschrieben und wissenschaftlichen Einrichtungen Anregungen zur Gestaltung ihrer Open-Access-Strategien gegeben.

Die Forderungen sind systematisch abgestuft nach „harten“ Forderungen („müssen“, „dürfen nicht“) und „weichen“ Forderungen („sollen“). Durch die Vielzahl der Kriterien, die jeweils mit Informationen zum Hintergrund und zur Einordnung sowie mit Literaturverweisen angereichert sind, erhält das Positionspapier eine stattliche Länge von 34 Seiten. Dennoch ist die Lektüre zu empfehlen – für diejenigen, die an den genannten Stellen Verhandlungen führen, aber auch für andere an Open Access Interessierte, die ggf. auf Open Access hinwirken wollen.

Die Berücksichtigung der im Positionspapier formulierten Ansprüche wird hoffentlich erleichtert durch das Hinzufügen einer Checkliste, die ausschließlich aus den formulierten Kriterien ohne weitere Erläuterung besteht – und dabei immer noch sechs Druckseiten lang ist. Enthalten ist manches, das (eigentlich) mittlerweile selbstverständlich sein sollte. Aber es finden sich auch viele Punkte, die sicherlich bisher nicht flächendeckend berücksichtigt werden und teilweise klar mit bisher praktizierten Vertragsabschlüssen kollidieren.

Ausgewählte Forderungen

Einige wesentliche Aspekte – durchaus auch mit Blick auf die eigene Institution – möchte ich hervorheben; dies kann sicherlich nicht die sehr empfohlene Lektüre des Gesamtpapiers ersetzen.

Keine Geheimnisse, kein Verbergen

Verträge zwischen Anbietern und wissenschaftlichen Einrichtungen sowie Verträge zwischen Anbietern und Publizierenden dürfen keine Vertraulichkeitsklauseln („non-disclosure agreements“) beinhalten.

Generell kommt dem Thema Transparenz eine große Bedeutung im Positionspapier zu, sei es für Einreichungsbedingungen, Arbeitsschritte des Verlags oder Umgang mit Publikationskosten.

Open Access: nur mit freien Lizenzen

Anbieter müssen sicherstellen, dass von ihnen verlegte Open-Access-Publikationen
unter der Creative-Commons-Lizenz „CC-BY“ (Namensnennung) oder einer
liberaleren Lizenz (z. B. unter der Creative-Commons-Deed „CC-0“) erscheinen und
diese Lizenz maschinenlesbar in den Publikationen und zugehörigen Metadaten
verankert ist.

Welch großer Schritt nach vorne für Open Access, wenn die Einrichtungen sich an dieser Position orientieren werden! Entsprechende Einschränkungen auf CC BY finden sich bisher eher in einzelnen Fällen (z.B. in der Open-Access-Policy des österreichischen Wissenschaftsfonds oder bei privaten Forschungsförderern). Um so wichtiger wäre es, dass wissenschaftliche Einrichtungen an allen Stellen darauf drängen, Open Access nur in echter und sicherer Form, abgesichert durch eine CC-BY-Lizenz (oder freier) umzusetzen.

Entsprechend müssen Metadaten unter Creative-Commons-Deed CC-0 über offene Schnittstellen zur beliebigen Nachnutzung zur Verfügung gestellt werden. Freie Lizenzen müssen laut Positionspapier durch die Autor/innen vergeben werden, sie dürfen nicht nach einem Copyright-Transfer an Verlage oder andere Einrichtungen durch diese vergeben werden.

Forschungsdaten

Begleitmaterialen zu einem Artikel (z. B. Forschungsdaten, Software und Beschreibungen der verwendeten Methoden) sollen offen zugänglich gemacht werden.

Als grundsätzliche Forderung ist dies relativ schwach formuliert, gleichzeitig stehen hier aber auch Autor/innen selber in der Pflicht, ihre Forschungsdaten zugänglich zu machen; dies kann kein Verlag stellvertretend für sie erledigen.

Alternativen bei der Finanzierung von Open Access unterstützen

Eine ganze Reihe an Forderungen erstreckt sich darauf, Open-Access-Zeitschriften auch jenseits des Modells von APC-Zahlungen an kommerzielle Verlage zu unterstützen:

Wissenschaftliche Einrichtungen müssen sicherstellen, dass auch Open-Access-Zeitschriften, die über eine akademische Trägerschaft finanziert werden, an der jeweiligen Einrichtung nachhaltig betrieben werden können.

Zur Finanzierung dieser Zeitschriften sollen Mittel in angemessener Höhe als Teil eines Publikationsfonds bereitgestellt werden.

Wissenschaftliche Bibliotheken und andere Einrichtungen der Informationsinfrastruktur sollen Publikationsplattformen (z. B. im Rahmen von Hochschulverlagen) bereitstellen, um Organisationseinheiten, die eigenverlegerisch tätig sind, beim Betrieb der Open-Access-Zeitschriften zu unterstützen.

Hier haben die meisten Einrichtungen noch einiges zu tun.

Nachweis der Kostenübernahme gewährleisten

Mehrere Forderungen beziehen sich auf die Ausgestaltung der Verfahren, in denen Institutionen die ihren Autor/innen entstehenden Open-Access-Publikationskosten übernehmen. Eine klare Forderung bezieht sich auf die Sichtbarmachung der Finanzierung:

In Artikeln und in den zugehörigen Metadaten soll die Organisation, die die Publikationsgebühren übernimmt, benannt werden.

Dies leider nur als „weiche“ Formulierung, aber immerhin. Es wird auch auf die Notwendigkeit, solche Angaben zu standardisieren, um sie überhaupt nutzbar zu machen, verwiesen.

Verfahren zur Kostenübernahme erleichtern

Es wird gefordert, dass Verlage Angebote schaffen für die zentrale Rechnungsstellung, so dass nicht individuelle Rechnungen an die Autor/innen gestellt werden. Ziel ist insbesondere die Erleichterung der Abläufe:

Anbieter sollen einen entsprechenden Workflow implementieren, der die Publizierenden entsprechend ihrer Institutionszugehörigkeit schon während des Einreichungsprozesses identifiziert.

Überblick über Kostenübernahme ermöglichen

Rechnungen über Open-Access-Publikationsgebühren sollen von einer zentralen Organisationseinheit einer wissenschaftlichen Einrichtung bearbeitet werden (z.B. durch die Bibliothek einer Institution).

Damit in einem solchen Modell der Überblick gehalten wird und die Auswertung der Rechnungsdaten unterstützt wird, wird gefordert, Standards für solche Rechnungen zu entwerfen und generell Kostentransparenz herzustellen und Planung des Mitteleinsatzes zu erleichtern.

Fazit

Wenn die Einrichtungen die entsprechenden Forderungen breit umsetzen, könnten große Vorteile für den Open-Access-Bereich resultieren: Transparenz (über Vereinbarungen, Preise, Arbeitsweisen), Sicherung von Offenheit und Nachnutzbarkeit (CC-BY-Lizenz, Metadaten) und effiziente und kostensenkende Finanzierungsmodelle. Dabei ist die Berücksichtigung der Pluralität der Zeitschriftenmodelle ein wichtiger Aspekt.

Weiterführend

Heinz Pampel hat das Positionspapier bei den Open-Access-Tagen in Zürich als Einleitung zur Session Ausgestaltung eines wissenschaftsadäquaten APC-Marktes: Grundsätze, Finanzierungsansätze und Management vorgestellt (Folien, Videoaufzeichnung).

Das Papier ist inzwischen in englischer und französischer Übersetzung verfügbar.

The following two tabs change content below.

Marco Tullney

... leitet den Bereich Publikationsdienste der TIB und koordiniert deren Open-Access-Aktivitäten.

Ein Gedanke zu „Open Access mit Verlagen verhandeln: Worauf ist zu achten?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.