Zitierstile mit LaTeX

Neben dem hervorragenden Formelsatz war die gute Unterstützung für Zitatnachweise und Bibliographie immer einer der Gründe, das Textsatzsystem LaTeX zum Schreiben wissenschaftlicher Texte einzusetzen. Der Schwerpunkt lag dabei auf Zitiersystemen, die in Fächern wie Mathematik und Physik am verbreitetsten sind: mit abgekürzten Zitatnachweisen im Text (rein numerisch, alphanumerische Kürzel oder mit Autor-Jahr-Verweisen). Dabei muss die Bibliographie entsprechend organisiert sein, weil eine abgekürzte Zitierweise immer das Nachschlagen im Literaturverzeichnis verlangt.

Trotz der zahlreichen von LaTeX unterstützten Zitierstile kamen die Zitiergewohnheiten geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer immer etwas zu kurz. Das LaTeX-Paket Jurabib war bis etwa 2006 das einzige Instrument, das für juristische, aber auch philologische Zitierweisen halbwegs brauchbar war. Die Frage, wie man eine vorgegebene Zitierweise mit LaTeX umsetzen könne, war in einschlägigen Newsgroups eine der häufigsten.

Welchen Sinn genaue Vorgaben für Zitier- und Bibliographiestile haben, die dann mühevoll umgesetzt werden müssen und dadurch den Autor von seiner inhaltlichen Arbeit ablenken, ist für den Anfänger eine verständliche Frage. Wer erstmals lernt, Normen und Regeln zu befolgen, nimmt dies oft als Gängelung oder Machtspiel wahr. So scheint jeder Lehrstuhl seine, jede Zeitschrift ihre eigenen Regeln für Zitatnachweise zu haben. Die großen Literaturverwaltungsprogramme überbieten sich daher gegenseitig in der Anzahl der angebotenen Zitierstile (in Citavi beispielsweise lässt sich eine Auswahl aus über 1.800 Zitierstilen treffen). Ich selbst werde immer dem Linguisten Harald Weydt dankbar sein, daß er uns in einem Grundkurs an der Freien Universität Berlin Anfang der 1990er Jahre einen Zitierstil empfahl – damit hatten wir eine Orientierung und ein Beispiel -, aber auch darauf hinwies, daß es weitere Möglichkeiten gebe, die wir für unsere Seminararbeit ebenfalls nutzen könnten. Dies stelle er uns frei, nur müssten wir die einmal gewählte Zitierweise konsequent anwenden, und sie müsse in sich logisch sein. Ein solcher Hinweis und diese Liberalität regt an, auch über die formale Seite wissenschaftlichen Schreibens nachzudenken und zu verstehen, worum es geht: Die Zitierweise muss so funktionieren, dass sie den Quellennachweis eindeutig identifizierbar macht; ferner sollte sie das Lesen unterstützen (und dazu kann auch gehören, einen dem Leser aus seinem Fach vertrauten Zitierstil zu verwenden). Details wie die (typographisch übrigens unschöne) Auszeichnung von Namen mit Kapitälchen und von Titeln durch Kursivierung oder Anführungszeichen sind dann schon weniger wichtige Feinheiten. Gleichwohl können auch diese eine Bedeutung vermitteln; die Konvention, Titel von unselbständigen Publikationen (Aufsätze in Zeitschriften oder Sammelbänden) in Anführung zu setzen und Titel von selbständigen Veröffentlichungen (Bücher, Zeitschriften) zu kursivieren, ist eine Lesehilfe für den, der das Prinzip kennt und – vor allem – verstanden hat.

Der vorige Exkurs war wichtig, um zu erklären, warum es bei LaTeX nicht in erster Linie um die Bereitstellung einer Vielzahl von Zitierstilen geht. Wer heute mit LaTeX beginnt, sollte für die Zitier- und Bibliographieunterstützung nicht mehr auf die alten BibTeX-Stile zurückgreifen, sondern gleich das Paket Biblatex von Philip Lehman benutzen. Dies ist eine der wichtigsten LaTeX-Entwicklungen der letzten zehn Jahre, aus folgenden Gründen:

  • Um Zitierstile im Detail anzupassen, muss man nicht mehr eine eigene Programmiersprache (BibTeX) lernen, sondern kann LaTeX-Befehle verwenden.
  • Biblatex ist außerordentlich gut durchdacht, strukturiert aufgebaut und exzellent dokumentiert. Biblatex trennt konsequent zwischen Zitierstil und Bibliographiestil. Es ist natürlich nötig, die Wahl beider aufeinander abzustimmen: Es hätte wenig Sinn, im Text mit numerischen Zitatnachweisen zu arbeiten und die Bibliographie dann nach Alphabet der Autoren zu sortieren.
  • Biblatex erweitert das von BibTeX bekannte Datenformat. Erst damit sind auch anspruchsvolle Bibliographiestile möglich, die z.B. Untertitel, Orginaltitel, ursprüngliches Erscheinungsjahr, mehrbändige Werke u.ä. enthalten. Auch selbstdefinierte Felder sind möglich, für deren Berücksichtigung durch den Bibliographiestil man allerdings selbst sorgen muss.
  • Die wichtigsten der ursprünglich in BibTeX realisierten Zitier- und Bibliographiestile sind mittlerweile in Biblatex nachgebaut worden (Paket biblatex-trad).
  • BibTeX konnte als Hilfsprogramm für die Sortierung des Literaturverzeichnisses nur 7-Bit-Kodierung unterstützen, schon deutsche Umlaute waren ein Problem. Biblatex hingegen funktioniert zusammen mit dem neu entwickelten Sortierprogramm Biber, bei dem zahlreiche Zeichenkodierungen für die Bibliographie einsetzbar sind, insbesondere UTF8.
  • Auch die Entwicklung und Anpassung von Zitier- und Bibliographiestilen mit Biblatex verlangt tiefergehende Kenntnisse in der Programmierung mit LaTeX, und nicht jeder LaTeX-Anwender möchte sich damit beschäftigen. Es gibt jedoch inzwischen eine größere Zahl direkt nachnutzbarer Stile auch für Biblatex, darunter z.B. die verbreiteten Stile der Modern Language Association (MLA) oder der American Psychological Association (APA), Stile einzelner Zeitschriften und sogar einen für die am Institut für Politische Wissenschaften (IPW) der LUH verwendete Zitierweise. Zusätzlich zu den mit Biblatex gelieferten Zitier- und Bibliographiestilen verfügbare Biblatex-Stile werden gesammelt beim Comprehensive TeX Archive Network (CTAN).
Anfang der Liste verfügbarer Zitier- und Bibliographiestile mit Biblatex auf CTAN
Anfang der Liste verfügbarer Zitier- und Bibliographiestile mit Biblatex auf CTAN

Eine detaillierte Anleitung, wie man mit LaTeX und Biblatex arbeitet, würde hier zu weit führen, stattdessen ein nützlicher Literaturhinweis:

Voß, Herbert: Bibliographien mit LaTeX. Berlin 2011: Lehmanns. - 231 S. - ISBN: 978-3-86541-415-1

Dieses Buch geht auch auf (graphische) Literaturverwaltungsprogramme für Daten im BibTeX-/Biblatex-Format ein. Die bekannten Literaturverwaltungsprogramme können Daten in diesem Format exportieren und lassen auch zu, das Exportformat anzupassen. Es gibt aber meist spätestens dann Probleme, wenn man mehrfach exportiert, re-importiert und wieder exportiert. Zu empfehlen ist daher bei einem Workflow mit LaTeX und Biblatex die Verwendung eines Programms, das die benötigten Daten nativ unterstützt. Dafür bietet sich vor allem das Java-basierte JabRef an.

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Bernhard Tempel

... ist Leiter des Bereichs Lokale Dienste.

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