Präsentationsfolien als Buch – wer braucht das?

Im Jahr 2009 erschien ein Sammelband mit dem Titel „PowerPoint. Macht und Einfluss eines Präsentationsprogramms„. Diese Macht und der Einfluss von PowerPoint sind Thema für Medienwissenschaft, Kulturkritik – und selbstverständlich auch Bibliotheken. Waren die mit diesem und ähnlichen Programmen erzeugten Präsentationsfolien auf Konferenzen und in der Lehre schon lange nicht mehr wegzudenken, beginnen sie nun auch die Gestalt wissenschaftlicher Bücher zu verändern. In der grauen (Konferenz-)Literatur begann es vor ein paar Jahren, dass Vorträge häufig nicht mehr in Ausarbeitung, sondern in Form der Präsentationen veröffentlicht wurden. Anfangs hatten wir Fachreferenten Bedenken, solche Konferenzbände überhaupt in den Bestand aufzunehmen, und aus dieser Zeit stammen die seitdem üblichen Vermerke im Katalog wie z.B. „Enth. überwiegend Präsentationsfolien, keine ausgearb. Vorträge“, „Enth. nur Präsentationsfolien, kein ausgearb. Vorträge“ oder „Auf Anschaffung verzichtet, da nur Präsentationsfolien“.

Irgendwann tauchten die ersten im Buchhandel erhältlichen ‚Bücher‘ auf, die nur aus Präsentationsfolien bestanden, was aus den den Ankündigungen kaum jemals erkennbar war. Immer häufiger stellte sich die Frage: Verzichten oder trotzdem in den Bestand aufnehmen? Für den Verzicht spricht, dass die Folien eine wissenschaftliche Argumentation meistens nicht nachvollziehbar darstellen: Der Leser erkennt im wesentlichen Thema und Ergebnisse. Gegen den Verzicht spricht, dass die Präsentationen oft die einzige Information darstellt, die zu einem Kongressbeitrag zu bekommen ist.

Seite 18 aus Lotfi A. Zadeh: Computing with words. Principal concepts and ideas. Heidelberg u.a.: Springer, 2012 (Studies in fuzziness and soft computing 277)

Im Fall von im Buchhandel erhältlichen ‚Büchern‘, die nur aus Präsentationsfolien bestanden, waren es bisher eher abseitige Verlage oder Print-on-Demand-Druckdienstleister. Für das Fachreferat Informatik eine Premiere ist der Titel „Computing with words. Principal Concepts and Ideas“ von Lotfi F. Zadeh, erschienen in der Reihe „Studies in Fuzziness and Soft Comptuting“ bei Springer.
Das Vorwort des Reihenherausgebers, das des Autors sowie Inhalts- und Literaturverzeichnis sind im normalen Stil eines Buchs gesetzt (die vollständigen Vorworte und das Inhaltsverzeichnis sind über SpringerLink frei zugänglich zum Nach- und Weiterlesen). Dazwischen befinden sich 137 Seiten, auf denen lediglich 263 – wenn auch textlastige – Präsentationsfolien abgedruckt sind. Als Beispiel nebenstehend die Seite 18.

Dem Reihenherausgeber ist es nicht entgangen, dass das Buch nur aus Präsentationsfolien besteht, er schreibt in seinem Vorwort:

It is a great honor and pleasure for me to write this foreword to this very special and unorthodox book project on computing with words (CWW, for short) by Professor Lotfi A. Zadeh. This book is a logical sequence of slides on CWW which have been presented for years by the author at a multitude of conferences, congresses and other scientific gatherings. (S. VII)

Der darauf folgende Absatz versucht die „unorthodoxe“ Form des Buchs zu rechtfertigen:

The first question a reader can ask is that it may be somehow unclear how and why a book can be comprised of slides and not, as usually, of a plain text, possibly with some formulas, tables, figures, etc. as it is usually the case. This question is however related to a more fundamental question, why plenary talks are needed if one could be able to read the contents in the form of an article. There is clearly no simple answer, and yet people all over the world accept plenary talks as a vital part of conferences, both small and large. In plenary talks authors can convey in a more general, and hence more inspiring way, new ideas and views, can reach a wider audience, possibly from beyond their areas of interest and activity. From the slides, moreover, the reader can probably readily see the author’s opinion and views regarding various issues. (S. VII)

Liest man nun den Anfang des Vorworts, das der Autor selbst beigesteuert hat, drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass die ungewöhnliche Form des Buchs eher darauf zurückgeht, dass er gedrängt wurde, ein Buch zu diesem Thema zu schreiben: „I have been urged by some of my close friends to write a book on Computing with Words. At this stage of my life, it is difficult for me to do so.“ (S. X)
Nun ist Lotfi A. Zadeh nicht irgendjemand, sondern der Erfinder der unscharfen Menge und der Begründer der Fuzzy-Logik – und mittlerweile über 90 Jahre alt.

Der Gerechtigkeit halber muss auch man sagen, dass die Folien in der Tat einen einigermaßen kohärenten Text bilden und damit manche Nachteile von nur zur Begleitung eines Vortrags gedachten Präsentationsfolien nicht aufweisen. Dennoch stellt sich die Frage: Ist es das, was der Käufer eines Buchs zum Preis von immerhin mehr als 100 Euro erwartet? Wer braucht Bücher, die nur aus gedruckten Präsentationsfolien bestehen? Diskussionsbeiträge gern in den Kommentaren!

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Bernhard Tempel

... ist Leiter des Bereichs Lokale Dienste.

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