Open Access Week – Open Access für Geisteswissenschaftler?

Am vierten Tag unserer Veranstaltungsreihe zur Open Access Week standen die Geisteswissenschaften im Fokus. Der Titel „Open Access für Geisteswissenschaftler?“ war nicht ohne Grund mit Fragezeichen versehen, denn im allgemeineren Bewusstsein ist das Thema immer noch eher mit Fächern wie Physik und Mathematik verbunden, die eine ausgeprägte Preprint-Kultur zur beschleunigten Verbreitung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse entwickelt hatten und als erste Disziplinen diese Kultur ins World Wide Web übertrugen.

Dass Open Access sich nicht auf freie Zugänglichkeit von wissenschaftlichen Publikationen beschränkt, sondern in einem viel weiteren Zusammenhang steht, der eine Umwälzung der wissenschaftlichen Diskussionskultur bedeuten kann, zeigte der Vortrag von Prof. Dr. Claudia Schomaker und Karen Weddehage (beide vom Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover). Beide sind Mitglied im Beirat der Zeitschrift http://www.widerstreit-sachunterricht.de/ und am Reviewprozess der seit 2003 erscheinenden Zeitschrift beteiligt. Der im Titel genannte Widerstreit ist in positivem Sinne programmatisch gemeint, da er eine vitale Grundlage für die diskursive wissenschaftliche Auseinandersetzung darstellt.

Nach Unterrichtsentwürfen und -material wird man auf http://www.widerstreit-sachunterricht.de/ vergeblich suchen, denn das Projekt will eine Plattform für die theoretische Behandlung des noch relativ jungen Fachs Sachunterricht bieten. Formal handelt es sich bei http://www.widerstreit-sachunterricht.de/ um weitaus mehr als nur eine Online-Zeitschrift, es ist vielmehr eine moderierte Diskussionsplattform, die auf mehreren Ebenen funktioniert. Den komplexen Aufbau von http://www.widerstreit-sachunterricht.de/ kann und will ich hier nicht im Detail beschreiben – man sehe sich das Angebot selbst an. Wenn man sich vom etwas altmodisch wirkenden Webdesign und der gewöhnungsbedürftigen Navigation nicht abschrecken lässt, wird man feststellen, dass das Konzept viele moderne Elemente enthält, die in ausschließlich gedruckter Form allein aufgrund der langsamen Publikationszyklen nicht möglich wären.

Eine Ebene von http://www.widerstreit-sachunterricht.de/ enthält auch die klassischen Elemente von wissenschaftlichen Zeitschriften wie Fachaufsätze, Rezensionen, Tagungsberichte etc. Aus dieser Ebene speisen sich die ‚hybrid‘, das heißt parallel online und gedruckt erscheinenden Ausgaben sowie die Beihefte, die meist um einen Themenschwerpunkt zentriert sind. Die beiden anderen Ebenen dienen dem online geführten Diskurs, der sich einerseits aus Beiträgen der ersten Ebene entwickeln kann, andererseits in systematisch ausgearbeitete Beiträge dieser ersten Ebene münden kann.

Die Diskussionsebenen sind moderiert, für die Zeitschriftenebene gibt es ein Reviewverfahren. Autoren und Gutachter wurden anfangs durch gezielte Ansprache gewonnen, inzwischen hat sich die Plattform so weit etabliert, dass sich Wissenschaftler selbst mit ihren Angeboten und Vorschlägen melden. Die Begutachtung von Beiträgen wird als offenes peer review durchgeführt, die Gutachten mit Kommentaren und Anregungen gehen an die Autoren zurück, die auf diese Weise zum Widerstreit auch mit den namentlich bekannten Gutachtern aufgefordert sind. Wie Claudia Schomaker berichten konnte, hat dies anfänglich zu Irritationen bei den Autoren geführt, da sie sich – offenbar vom traditionellen anonymen Begutachtungsverfahren gewohnt – schlichte Annahme oder Ablehnung ihrer Beiträge wünschten oder Annahme mit der Auflage konkreter Überarbeitungen. Mittlerweile werde das offene Verfahren aber sowohl von etablierten wie von Nachwuchswissenschaftlern geschätzt.

Im Anschluss an die Präsentation von Claudia Schomaker und Karen Weddehage stellte Lambert Heller, von der Moderation als „Botschafter für Open Access“ bezeichnet, einige grundlegende Gedanken zur Bedeutung von Open Access vor. Etwas provakativ zugespitzt, im Kern aber vollkommen zutreffend, formulierte er den nur kostenpflichtigen Zugang („toll access“) zu wissenschaftlicher Information als „das beste Gegenmittel bei Neugier“. Gerade Geisteswissenschaftler benötigten schnellen Zugriff auf zahlreiche Artikel, von denen sie nach kurzer Relevanzprüfung nur einen Bruchteil intensiv durcharbeiteten, und der kostenpflichtige Zugang behindere bereits die Entscheidung, mit welcher Literatur man arbeite. Als Konsequenz haben Wissenschaftler umständliche, zeitaufwendige und nicht immer legale Techniken entwickelt, an Informationen zu kommen, die sie nicht frei im WWW oder über Lizenzen ihrer Bibliothek im Zugriff hätten, von gezielten Anfragen bei Kollegen anderer Universitäten bis zu allgemeinen Fragen in sozialen Netzwerken, etwa über den Hashtag #icanhazpdf bei Twitter.

Dabei könne alles so einfach sein, wenn Autoren selbst unter geeigneten Lizenzen wie CC-BY publizieren würden. Die empirischen Daten, die Lambert Heller präsentierte, zeigten auch, dass  ‚Open Science‘ keineswegs ‚Science fiction‘ sei, sondern der Anteil an wissenschaftlichen Arbeiten, die in Open-Access-Zeitschriften erschienen, 2011 einen Anteil von 17% erreicht hat und dass dieser Anteil weiter zunehme (Mikael Laakso / Bo-Christer Björk: Anatomy of open access publishing: a study of longitudinal development and internal structure, in: BMC Medicine 2012, 10:124).

In der Diskussion warf ein Doktorand im Fach Anglistik die Frage auf, wie es um die Akzeptanz von ausschließlicher Online-Publikation stehe: Als Nachwuchswissenschaftler sei man darauf angewiesen, „einschlägig“, in „renommierten“ Zeitschriften zu veröffentlichen, weil man daran bei Bewerbungen gemessen werde. In philologischen Fächern seien dies meistens noch die Zeitschriften, die in den Händen von Verlagen lägen und nur gedruckt, bestenfalls hybrid mit paralleler elektronischer Ausgabe erschienen. Claudia Schomaker wies darauf hin, dass das Fach Sachunterricht in dieser Hinsicht interessant sei, weil sich dort die Diskurse der Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften träfen (also der – nach Wolf Lepenies in Erweiterung der These Charles Percy Snows„drei Kulturen“). Der Wandel zu ausschließlich elektronischer Veröffentlichung, auch der Dissertationen, ließe sich im Kontext des Sachunterrichts in den letzten Jahren nur in den Naturwissenschaften beobachten, sonst werde weiterhin nur gedruckt oder hybrid publiziert.

Aus eigener Erfahrung sehe ich für die Geisteswissenschaften derzeit ein Dilemma, das sich in der Frage des Anglisten andeutet und das sich zuspitzen lässt: Aufgrund der weiterhin großen Bedeutung von Monografien muss man als Nachwuchswissenschaftler weiterhin gedruckt publizieren, um von einem Großteil der noch aktiven älteren Wissenschaftler-Generation wahrgenommen zu werden zu können. Zugleich deutet sich ein Wandel des wissenschaftlichen Rezeptionsverhaltens an, wonach die jüngeren Wissenschaftler und die aktuelle Generation von Studierenden möglicherweise zukünftig kaum noch zur Kenntnis nehmen werden, was nicht online und, idealerweise, im Open Access vorliegt. Der zur Zeit einzige Ausweg aus dem Dilemma ist das hybride Publizieren auch der Dissertation und anderer Monografien. Herstellung und Vertrieb von gedruckten Monografien in für das jeweilige Fach „einschlägigen“ Verlagen ist weiterhin oft mit Kosten für die Autoren verbunden. Eine parallele frei zugängliche Online-Ausgabe könnte Werbung auch für das gedruckte Buch sein, stößt aber immer noch auf Vorbehalte bei Verlagen oder erhöht den Druckkostenzuschuss. In jedem Fall sollte der Wunsch nach einer hybriden Publikation von vornherein als Voraussetzung in die Verhandlungen um den Autorenvertrag einbezogen werden.

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Bernhard Tempel

... ist Leiter des Bereichs Lokale Dienste.

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