PLoS ONE und Co: Das Phänomen „Megajournal“

Bis vor wenigen Jahren galt: In wissenschaftlichen Zeitschriften zu publizieren kostet Zeit. Die Journals brauchen diese Zeit — oft viele Monate, manchmal Jahre — um zu entscheiden, welchen Artikel sie publizieren und welche nicht. Was dabei herauskommt erfährt die Leserin in den regelmäßigen erscheinenden neuen Ausgaben der Zeitschrift. Und um zu erfahren, was die Welt da draussen von den Artikeln hält, sind aufwändige Recherchen nötig. Das alles dauert — während Forschungsergebnisse immer schneller poduziert werden.

Viele WissenschaftlerInnen haben in den letzten Jahren eine neue Alternative zu solchen langsamen, wenig transparenten Publikationswegen für sich entdeckt: Die sogenannten Megajournals, allen voran PLoS ONE. In diesem Beitrag will ich kurz beleuchten was das Besondere an Megajournals ist, was sie für (manche) AutorInnen so attraktiv macht, und was wir von dieser Entwicklung vielleicht erwarten können.
Als der Verlag PLoS im Jahr 2006 das erste Megajournal, ONE, gründete, wurde dies als nettes kleines Experiment noch weitgehend ignoriert. Der Aufbau des Experiments:

  • PLoS ONE ist multidisziplinär, richtet sich — anders als die meisten Fachzeitschriften — also nicht nur an eine spezielle Fachcommunity.
  • Das Journal läßt zwar eine Qualitätsprüfung aller eingereichten Artikel von unabhängigen Experten im jeweiligen Fach durchführen (Peer Review), beurteilt aber absichtlich nicht die Originalität oder die zu erwartende Bedeutung der Artikel im jeweiligen Fach. Begründung: Das schnelle Erscheinen jedes einzelnen Artikels (bei ONE gibt es keine „Ausgaben“ o.ä.) hat Priorität, und:
  • Die Bewertung wird durch die Community der Lesenden selbst vorgenommen. Jeder Artikel wird begleitet von einer Vielzahl hilfreicher Zahlen und Links — so kann man sofort sehen, wie oft der jeweilige Artikel heruntergeladen oder ggf. an anderer Stelle im Web empfohlen, gebookmarkt oder besprochen worden ist. Am Beispiel dieser beiden Veröffentlichungen einiger Hannoveraner ForscherInnen über künstliche Haut aus Spinnenseide läßt sich das gut nachvollziehen.
  • Heutzutage ist das bei innovativeren neuen Journals fast selbstverständlich: Die Inhalte sind Open Access, d.h. jeder Artikel ist sofort kostenlos weltweit abrufbar und darf auch ohne rechtliche Hürden weiterverbreitet werden, z.B. in der Lehre.

Das Experiment, so läßt es sich wohl zusammenfassen, war erfolgreich. 2009 erhielt PLoS für sein Projekt ONE den „Publishing Innovation Award“ der Association for Learned and Professional Society Publishers (ALPSP). 2011 war ONE bereits das größte Journal weltweit (gemessen an der Anzahl veröffentlichter Artikel), unter den AutorInnen befanden sich diverse NobelpreisträgerInnen, und was vielleicht das deutlichste Anzeichen eines Erfolgs ist: Mehrere große Verlage weltweit ahmen das Konzept nach und bringen inzwischen selbst Megajournals mit den oben genannten Merkmalen an den Start, z.B. SAGE Open, SpringerPlus und Nature Scientific Reports, um nur einige zu nennen.

Kein Wunder, daß ein solcher Trend in der Informationswissenschaft diskutiert wird. Eine frühe sowie eine jüngere, sehr tief gehende Analyse seien daher abschließend erwähnt:

Stuart Shieber (dessen Blog wir hier kürzlich schon einmal zitiert hatten) diskutierte die oben skizzierte Entwicklung bereits Anfang 2011. Er betont, daß das Megajournal keineswegs der Schlußpunkt aktueller Entwicklungen ist, sondern daß hier ein neuer Wettbewerb stattfindet, in dessen Umfeld bereits wiederum neue innovative Publikationsmodelle entstehen.

Jason Priem und Bradley Hemminger (beide von der School of Information and Library Science, University of North Carolina) haben in ihrem Artikel Decoupling the scholarly journal verallgemeinert, was der Boom der Megajournals langfristig bedeuten könnte. Priem und Hemminger zufolge erleben wir die Auflösung des Journals als „Container“: Statt daß sich ein Journal um die Verbreitung, den Peer Review etc. eines Artikels kümmert, werden Artikel in Zukunft wohl immer häufiger „nur noch“ zuverlässig gespeichert und identifiziert, den Rest erledigen eine Vielzahl voneinander unabhängiger Dienste und Agenturen im Netz. (Übrigens ist das Identifizieren gerade im Netzzeitalter extrem wichtig. Zeitgemäßes Zitieren bedeutet heute, dauerhafte, maschinenlesbare Identifier wie die DOI zu verwenden. Die TIB Hannover spielt eine aktive Rolle in dieser weltweiten Entwicklung.)

AutorInnen bekommen diesen Trend übrigens schon längst an verschiedenen Stellen zu spüren. So sind Lektorat und Textsatz längst Aufgaben, um die man sich als AutorIn selbst kümmert, oder die man vor der Veröffentlichung „outsourced“: An den Freundeskreis oder eben, gegen Bezahlung, an Profis. Und wenn an der Veröffentlichung im renommierten Journal XY eigentlich sowieso nur interessant ist, daß der renommierte Name XY später in der eigenen Bibliographie auftaucht: Warum dann nicht einfach für dieses „Gütesiegel“ bezahlen, den Artikel aber (auch) an anderer Stelle im Netz zugänglich machen?

Eine interessante Beobachtung zum Schluß: Neben den beiden eingangs erwähnten Artikeln über künstliche Haut aus Spinnenseide finden sich auch drei weitere Artikel (1, 2, 3), zu völlig unterschiedlichen Themen, von WissenschaftlerInnen der Lebniz Universität Hannover in PLoS ONE — allein im Frühjahr 2012. Hannoversche Forschung, so scheint es, ist nun im „Megajournal“ angekommen und fühlt sich dort wohl… Wir behalten diesen Trend im Auge und werden ihn auch hier im Blog sicherlich wieder aufgreifen.