404: Video nicht gefunden – Das TIB AV-Portal bewahrt wissenschaftliche Videos vor dem Verschwinden

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Vor einigen Tagen wurde ich Zeuge einer E-Mail-Unterhaltung, in der sich ein Teilnehmer einer internationalen Wissenschaftskonferenz bei deren Organisator über den Verbleib seines Videos erkundigte: „Wo ist der Videomitschnitt meines Vortrags?“ Auch der Organisator war ratlos: „Scheinbar wurden viele Videos entfernt. Inklusive Videos der Konferenzen von 2014 und 2015.“ Was war geschehen? Die Vorträge der betreffenden Konferenz waren mitgeschnitten und die Videos auf ein bekanntes, kommerzielles Videoportal geladen worden. Heute, ein Jahr später, ist bereits ein Teil der Videos nicht mehr verfügbar.

Konferenzvideos: Dokumente wissenschaftlicher Kommunikation

Ein Bildschirm, der den Text "404 Not Found" zeigt.

Wer im Internet nach Videos vergangener Konferenzen sucht, findet häufig nur tote Links. Bildquelle: Pixabay, Lizenz: CC0 Public Domain

Der Wissenschaftsbetrieb lebt vom Austausch, der Kommunikation und Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse, Ideen und Projekte. Dies geschieht zu einem großen Teil auf Konferenzen, Tagungen, Symposien, Workshops, usw., ohne die die Wissenschaftslandschaft nicht denkbar wäre. Auf Konferenzen wird aktuelle Forschung präsentiert und es entstehen Netzwerke; Konferenzen sind identitätsstiftend für eine wissenschaftliche Community. Traditionell werden die Ergebnisse in Form von Konferenzbänden (Proceedings) veröffentlicht und dokumentieren so den aktuellen Forschungsstand.

Zusätzlich zu gedruckten Konferenzbänden werden mittlerweile auch immer häufiger Konferenzvorträge aufgezeichnet und diese Videos im Anschluss veröffentlicht. Auch diese Videos sind daher ein wichtiger Teil des aktuellen wissenschaftlichen Outputs und damit ein Teil des kulturellen Erbes. Leider hat sich für den Umgang mit diesen wichtigen Dokumenten noch kein nachhaltiger Standard etabliert. Stattdessen werden diese Videos in den meisten Fällen bei youtube, vimeo oder ähnlichen Plattformen oder direkt auf der Konferenz-Homepage veröffentlicht – häufig mit dem eingangs geschilderten Ergebnis. Bereits nach kurzer Zeit ist ein großer Teil der Videos nicht mehr auffindbar. Dies kann vielfache Gründe haben. Ändert sich die URL, führen externe Links ins Leere. Konferenzseiten werden in der Regel nach Konferenzende nicht weiter gepflegt und sind häufig schon bald offline. Auch kommerzielle Videoplattformen können aus unterschiedlichsten und nicht immer transparenten Gründen die Videos entfernen. In jedem Fall wird der Zugang zu den Videos erschwert und im schlimmsten Fall gehen diese sogar ganz verloren.

TIB AV-Portal: Bewahrer wissenschaftlicher Videos

Um den Verlust von Konferenzvideos (und anderer wissenschaftlicher Videos) zu verhindern, bietet die TIB mit dem AV-Portal eine Plattform, die Videos (vorwiegend) aus den Bereichen Technik sowie Architektur, Chemie, Informatik, Mathematik und Physik dauerhaft und frei verfügbar macht. Alle Videos sind mit einem Digital Object Identifier (DOI) versehen, d.h. einem dauerhaften und eindeutigen Bezeichner, der auch dann gültig bleibt, wenn sich die URL des Videos ändert. Auf diese Weise ist eine permanente Verlinkung und Auffindbarkeit digitaler Objekte garantiert und die Videos im AV-Portal können hiermit sowohl verlässlich verlinkt als auch in wissenschaftlichen Arbeiten korrekt zitiert werden.

Außerdem vereint das AV-Portal die Videos verschiedener Konferenzen aus verschiedenen Jahrgängen an einem Ort. Wer den Mitschnitt eines Vortrags sucht, sich aber nicht mehr sicher ist, auf welcher Konferenz oder in welchem Jahr dieser gehalten wurde, der muss nun nicht mühsam die einzelnen Seiten der verschiedenen Konferenzen durchsuchen, sondern findet hier alles auf einen Blick. Sekundengenaues Zitieren und die Durchsuchbarkeit des gesprochenen und geschriebenen Texts im Video sind weitere Vorteile des TIB AV-Portals.

Screenshot des TIB AV-Portals, der die Trefferliste für EuroPython 2014 Videos zeigt.

Über 500 neue Konferenzvideos sind seit einigen Tagen im AV-Portal. Hier ist die Seite der 120 Videos der EuroPython 2014 gezeigt.

Über 500 neue Konferenzvideos im TIB AV-Portal

Vor diesem Hintergrund freut sich das Kompetenzzentrum für nicht-textuelle Materialien, welches das TIB AV-Portal betreut, den Bestand an Konferenzvideos in den letzten Tagen um mehr als 500 neue Videos erweitert zu haben.

Das FrOSCon-Logo. Blauer Schriftzug "Froscon" mit einem weißen Frosch im ersten O, darunter in grau der Schriftzug "Free and Open Source Software Conference".

80 Videos der FrOSCon 2015 sind nun im AV-Portal. Bildquelle: https://www.froscon.de

Die meisten, nämlich 191, dieser Videos stammen von der diesjährigen FOSS4G Konferenz in Bonn, einer jährlich stattfindenden internationalen Open Source Konferenz für Geoinformatiker. Das Akronym FOSS4G steht dabei für Free and Open Source Software for Geospatial. Insgesamt sind damit nun 290 FOSS4G Videos im AV-Portal auffindbar. Auf Platz 2 folgt mit 120 Videos die EuroPython 2014, eine Konferenz zur Programmiersprache Python, gefolgt von der Free and Open Software Conference FrOSCon 2015 mit 80 Videos. Mehr als 100 weitere Videos stammen von verschiedenen, kleineren Konferenzen.

Positive Resonanz aus den Communities

Noch mehr als über diesen rein quantitativen Erfolg freut sich das Team des Kompetenzzentrums für nicht-textuelle Materialien über die große und durchweg positive Resonanz aus den wissenschaftlichen Communities. Bereits kurz nach Veröffentlichung der Videos erhielten wir zahlreiche Rückmeldungen, für die die folgenden drei beispielhaft stehen:

„Great News! #FOSS4G2016 videos now online at TIB AV-Portal https://av.tib.eu/series/253/foss4g+2016+bonn … Thanks @tibhannover!“ (via Twitter)

„We are so proud that you can find our videos from 2015 on Technische Informationsbibliothek – TIB. Watch them to recall the experience and prepare for this year’s hacker festival!
Check the videos here: https://av.tib.eu/search?164&q=Hacktivity&loc=hu (via Facebook)

„Sehr schön. Ich finde die Features wirklich toll. Gerne verbreite ich das in unserer Community.“ (via E-Mail)

Auch der eingangs erwähnte Konferenzorganisator steht nun im Austausch mit der TIB, um die verschwundenen Konferenzvideos diesmal sicher im AV-Portal zu verwahren. So könnte es am Ende dann doch noch zu einer guten und nachhaltigen Lösung für alle Beteiligten kommen.

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Bastian Drees

... arbeitet im Kompetenzzentrum für nicht-textuelle Materialien (KNM).

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