Aus dem Abseits: Peter-Brückner-Archiv der TIB unterstützt Filmprojekt

„Aus dem Abseits“ ist ein Dokumentarfilm über den Sozialpsychologen Peter Brückner (1922-1982), dessen Leben von Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht geprägt war: mit den Nationalsozialisten, der sowjetischen Administration im geteilten Deutschland und den Behörden der Bundesrepublik Deutschland.

In den 1970er-Jahren wurde Brückner zu einer Symbolfigur der westdeutschen Protestbewegung. 30 Jahre später begibt sich sein jüngster Sohn, Simon Brückner, auf die Suche nach seinem Vater. Dabei findet und erfindet er eine Persönlichkeit mit multiplen Geheimnissen.

Vieles ist der Psychologe Peter Brückner Zeit seines Lebens gewesen: ‚Halbjude‛ und Ausreißer, Untergrundaktivist und Wehrmachtssoldat, Kommunist mit Parteiverbot, Vater und Familienflüchtling, Demokrat und Verfassungsfeind, erster verbeamteter Hochschullehrer mit Berufsverbot. Von 1967 bis 1982 lehrte er als Professor für Psychologie an der Universität Hannover. 1982 starb der von der 68er-Protestgeneration geliebte Gelehrte und mit ihm seine eigenwillige Sozialpsychologie der Befreiung.

Sein Sohn Simon war damals vier Jahre alt. 30 Jahre später sucht er als Filmemacher nach seinem Vater. Der Film nähert sich seiner Zentralfigur in kleinen Schritten und großen Bögen, den Zeitstrahl dabei souverän ignorierend. Er lockt das Publikum durch eine ungewöhnlich dichte und mehrschichtige Erzählweise ebenso wie durch seinen feinen Humor und nicht zuletzt durch die unbeantwortbare Frage nach der Essenz eines vergangenen Lebens. Es ist ein wenig wie bei einem Zauberkunststück: Der Mensch Peter Brückner tritt hervor, um im nächsten Augenblick wieder zu verschwinden und dann erneut dort wieder aufzutauchen, wo man es nicht erwartet hat. 

Peter Brückner – privat und politisch

Das Lebensbild „Aus dem Abseits“ zeichnet nicht nur Brüche, Fluchten und „public happiness“ eines Linksintellektuellen des 20. Jahrhunderts nach, sondern auch die Zerstörungen und Aufbrüche dieses Jahrhunderts – getreu der Devise Peter Brückners, dass es für den Einzelnen darauf ankomme, Geschichte und Lebensgeschichte in Einklang zu bringen. Simon Brückner zeigt die Stationen des zuweilen abschüssigen Weges, den sein Vater gegangen ist: Als privater und politischer Mensch. Und als Sohn öffnet er durch seinen persönlichen Zugang zugleich den Blick auf ein Stück „abseitiger“, verschwiegener Geschichte Deutschlands. Es entsteht das filmische Hologramm eines Provokateurs und Selbstdenkers, der in Deutschland zwangsläufig lebenslang anecken musste. Eines Menschen, der trotz seiner Sehnsucht nach Geborgenheit auf der Suche nach Freiheit war. Einer Freiheit, die stets ihren Preis hatte.

„Ich habe filmische Ausgrabungen unternommen, um die Distanz zu meinem Vater zu verringern – einem Menschen, an den ich kaum noch eigene Erinnerungen habe. Was mir dabei in die Hände fiel, war viel weniger und viel mehr als der Mensch, der mein Vater einmal gewesen ist: Ein feines Maschenwerk von Erinnerungen, Gefühlen, Beziehungen, Lebensabschnitten und historischen Wegmarken. Ein Netz, das mich mit meiner Familie ebenso verbindet wie mit deutscher Geschichte. Genau dahin möchte ich die Zuschauer mitnehmen. Deshalb folgt der Film der Logik von Querverbindungen zwischen Zeiten, Orten, Menschen und Gedanken. Und er unterläuft eine Reihe von Konventionen, die das Vater-Sohn-Filmgenre hervorgebracht hat“, beschreibt Simon Brückner seinen Film.

Das Peter-Brückner-Archiv der TIB

Fündig geworden ist der Autor auf der Suche nach seinem Vater auch im Archiv der TIB / Universitätsarchiv Hannover und im  Peter-Brückner-Archiv der TIB. Am TIB-Standort Sozialwissenschaften befindet sich der Nachlass von Peter Brückner. Er besteht unter anderem aus unveröffentlichten Manuskripten, Typoskripten, Fragmenten, Notizen, Reden und Rundfunksendungen sowie weiteren Dokumenten aus den Jahren 1953 bis 1982. Der gesamte Bestand des Archivs ist elektronisch erschlossen und in der Datenbank Brückner nachgewiesen.

Wann und wo läuft der Film?

Der Film „Aus dem Abseits“, der beim 30. Internationalen Dokumentarfilmfestival in München den Hauptpreis in der Kategorie deutschsprachiger Dokumentarfilm erhielt, ist demnächst auch in zwei Hannoveraner Kinos zu sehen:

Kino im Künstlerhaus
Wann? 18. Januar 2016 um 20:15 Uhr (anschließend Filmgespräch mit dem Regisseur); 19. und 20. Januar 2016, jeweils um 18 Uhr

Kino im Sprengel
Wann? 22. und 23 Januar 2016, jeweils um 20.30 Uhr


 

Dieser Beitrag ist in enger Zusammenarbeit mit Simon Brückner entstanden.

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Winfried Kullmann

Fachreferat Sozialwissenschaften, Gewerkschaftsarchiv, Peter-Brückner-Archiv

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